13’000 neue Zürcher Südstarts möglich

TA 23.08.2017

Die Gemeinden im Süden des Flughafens müssen mit mehr Startlärm rechnen. Eine Flugroute über die Zürcher City hat der Bundesrat überraschend gestrichen.

Der über 15-jährige Prozess, der dem Flughafen Zürich einen neuen Bewegungsrahmen für die nächsten 20 Jahre geben soll, ist einen wichtigen Schritt weiter. Gestern hat der Bundesrat das Objektblatt des Sachplans Infrastruktur der Luftfahrt (SIL) genehmigt. Es geht vor allem um Sicherheit. Diese soll erhöht werden, indem vermieden wird, dass sich die Routen zweier Flugzeuge in der Luft um den Flughafen Zürich kreuzen. Dies ist im aktuellen Flugregime etwa bei Biswind der Fall.

Suedstarts-SIL2

Der aufsehenerregendste Beschluss des Bundesrats ist demnach, dass er bei Bise und Nebel – das ist etwa an 30 Tagen im Jahr der Fall – den sogenannten Südstart geradeaus Richtung Opfikon und Zürich-Schwamendingen erlaubt. Ein Drittel dieser Flugzeuge soll laut Plan zügig in einer Rechtskurve über Zürich-Seebach nach Westen fliegen. Das sind vor allem die kleinen und mittelgrossen Maschinen. Der Rest fliegt an Zürich-Witikon vorbei bis etwa auf der Höhe von Binz (Gemeinde Maur), wo sie meist Richtung Greifensee und Uster abdrehen oder aber weiter geradeaus fliegen und über Männedorf nach Süden abzweigen. Dort müssen diese Flüge noch mit der Luftwaffe koordiniert werden, welche im Raum Emmen übt.

Auf eine Rechtskurve über die Zürcher Innenstadt wurde nach Protesten von Kanton und Stadt Zürich verzichtet. Möglich werden bis 2030 insgesamt 13’000 neue Südstarts im Jahr. Der Flughafen spricht von 7 Prozent aller Abflüge. Derzeit wären das 9500 Starts.

Sie kommen zu den rund 14’000 Starts hinzu, welche bereits nach heutigem Betriebsreglement von der Piste 16 aus Richtung Süden abgewickelt werden. Bei dieser Art Südstart drehen die Flugzeuge jeweils in einer Linkskurve Richtung Wallisellen und fliegen entweder weiter nach Osten oder aber zurück über den Flughafen nach Westen. Dieser sogenannte Left Turn ist ebenfalls Thema des neuen SIL-Entscheids: Der Kurvenradius soll nämlich grösser werden, damit die Flieger höher sind, wenn sie wieder über dem Flughafen auftauchen. Das vermindert das Risiko, mit einer von Norden her durchstartenden Maschine zusammenzuprallen.

7500 Starts bei Bise

Der Flughafen Zürich begrüsst die neuen Südstarts, wie Sprecherin Sonja Zöchling sagt. Nun könnten die Sicherheitsmargen erhöht werden – ein Bericht aus dem Jahr 2012 hatte die vielen Kreuzpunkte am Himmel scharf kritisiert. Zudem könne das neue Regime betriebliche Probleme wie Verspätungen mildern, so Zöchling weiter. Nun möchte der Flughafen vorwärtsmachen. «So schnell wie möglich» will er ein Gesuch für das neue Betriebsreglement einreichen. Dazu ist aber das Okay des Verwaltungsrats nötig, in dem der Kanton ein Vetorecht hat. «Vordringlich» seien die Südstarts geradeaus vor allem bei Bise, sagt Zöchling. Das brächte – Stand heute – 7500 neue Südstarts. Ob dieser Südabflug auch für Nebellagen beantragt werde, sei noch offen. Die Opposition gegen die neuen Flugrouten ist derart heftig, dass voraussichtlich das Bundesgericht den letzten Entscheid liefern wird. Das braucht Zeit. Zöchling rechnet mit sieben Jahren ab Einreichen des ­Gesuchs.

Definitiv vom Tisch sind übrigens die neuen Südstarts im Normalbetrieb. Sie waren von der Swiss, der Flugsicherung Skyguide und den Fluglärmorganisationen im Norden, Osten und Westen heftig gefordert worden. Ihre Rechnung: Mit zusätzlichen Südstarts über Mittag wären Verspätungen vermieden und infolgedessen weniger Flieger nach 23 Uhr in die Luft gelassen worden.

Ein weiterer wichtiger Entscheid des Bundesrats betrifft die Pisten 28 und 32. Deren Verlängerung um einige Hundert Meter, damit grosse Flieger auch bei Nässe von Osten her landen und kreuzungsfrei nach Norden starten können, ist nun planungsrechtlich gesichert. Die Verlängerung der Piste 32 soll auch verspätete Interkontinentalflieger spätabends schneller in die Luft bringen, weil sie vom Dock E her rascher zur Startpiste gelangen können. Der Flughafen ist für das 500-Millionen-Projekt in den Startlöchern. Hier ist der Zeithorizont aber noch länger als beim Südstart geradeaus. Derzeit ist eine Beschwerde gegen einen Entscheid des Kantonsrats, der Pistenverlängerungen in jedem Fall vors Volk bringen will, vor Bundesgericht hängig.

Des Weiteren hat der Bundesrat erstmals eine verbindliche Abgrenzungs­linie definiert, ausserhalb welcher der Flughafen die Lärmgrenzwerte nicht überschreiten darf. Vor allem den Aargau, den Kanton der federführenden Bundesrätin Doris Leuthard, interessiert zudem die Auffächerung der Abflugrouten von der Piste 28 aus. Ganze 40’000 Flüge über den Aargau würden so vermieden, jubelt der Regierungsrat des Nachbarkantons.

Und was ist nach 2030?

Neben dem Sicherheitsaspekt betont der Bundesrat, dass der SIL die Kapazitätseinbussen kompensiert, welche der Flughafen in den letzten Jahren erlitten hat. Gleichzeitig betont er, dass der SIL die zu erwartende Verkehrsnachfrage nach 2030 nicht decken kann.