845 Mal zwischen Zürich und Genf: Bundesbeamte machen Hunderte Kurzstrecken-Flüge im Inland

AZ 30.03.2019

Der Bund hält seine 38’000 Mitarbeiter an, möglichst wenig zu fliegen. Doch die Realität sieht anders aus. Während der Bund 2012 mit Flugreisen mindestens 17’200 Tonnen CO2-Emmissionen verursachte, waren es 2017 bereits 19’000 Tonnen.

Extravaganzen von Exekutivpolitikern auf Kosten der Steuerzahler sind in der Schweiz nicht gern gesehen. Die Frage, wann und wie oft die sieben Bundesräte im Privatjet unterwegs sind, ist deshalb Gegenstand regelmässiger Diskussionen. Die Flüge kosten viel, und sie verschlechtern die CO2-Bilanz der Bundesverwaltung.

Als Mitglieder der Landesregierung stehen den sieben Magistraten zwei Privatjets zur Verfügung, die sie zu Terminen im Ausland transportieren und wenn nötig direkt zu Hause wieder abladen. Im Fall von Aussenminister Ignazio Cassis am Flughafen von Lugano, von wo aus die Autofahrt zu seinem Wohnort nur zehn Minuten dauert. Ein Luxus, den offenbar nicht nur Bundesräte in Anspruch nehmen.

441 Mal sassen Bundesangestellte zwischen 2012 und 2017 in einem Flugzeug zwischen Zürich und Lugano.

Wie Recherchen zeigen, gönnen sich auch gewöhnliche Bundesangestellte regelmässig den Komfort von Flügen bis vor die Haustüre. Gestützt auf das Öffentlichkeitsgesetz hat die Redaktion CH Media Einblick in die Flugstatistik der Bundesverwaltung zwischen 2012 und 2017 erhalten und dabei Erstaunliches festgestellt.

Mit dem Flugzeug ins Tessin

Im besagten Zeitraum flogen Angestellte des Bundes mindestens 432 Mal von Zürich nach Genf und 413 Mal in die umgekehrte Richtung. Macht total 845 Flüge. Im Schnitt sass also knapp drei Mal pro Woche ein Beamter in einem Flugzeug zwischen den zwei grössten Schweizer Städten; in einem von vier Fällen in der BusinessKlasse. Durchaus beliebt war auch die Nord-Süd-Achse: Zwischen Zürich und Lugano verkehrten Bundesangestellte zwischen 2012 und 2017 441 Mal per Flugzeug.

Über die Jahre kamen so auf Inland-Kurzstrecken knapp 300 000 Flugkilometer zusammen. Nicht eingerechnet sind Flüge auf anderen Strecken wie zum Beispiel von Genf ins Tessin. Die effektive Anzahl Inlandflüge von Bundesangestellten dürfte also markant höher liegen: Die Fachstelle Ressourcen- und Umweltmanagement des Bundes erfasst nur die Flugaktivitäten von 20 000 der über 30 000 Vollzeitangestellten in ihrer Statistik.

Bleibt die Frage: Warum reisen Staatsangestellte innerhalb eines Kleinstaats mit dem besten und am dichtesten ausgebauten öV-Netz der Welt mit dem Flugzeug? Das Bundesamt für Energie teilt mit, es handle sich bei den Inlandflügen von Bundesangestellten «hauptsächlich» um Transitflüge in weitergelegene Destinationen und nennt als Beispiel eine Mitarbeiterin mit Wohnort Genf, die an eine Konferenz in New York fliegen will und das Ticket Genf–Zürich–New York bucht.

Unnötige Transit-Flüge?

Doch Experten halten diese Erklärung für wenig überzeugend. Die Stiftung myclimate, die auch den Bund beim Kompensieren von CO2-Emissionen unterstützt, erklärt auf Anfrage: «Transit-Flüge innerhalb der Schweiz machen kaum Sinn. Es gibt gute Zugverbindungen zwischen Genf und Zürich-Flughafen.»

Tatsächlich bieten die SBB jeden Tag zahlreiche Direktverbindungen zwischen Zürich und Genf an – die Fahrt dauert zwar drei Stunden, aber der Weg zum Flughafen, der Gang durch die Sicherheitskontrolle und die Wartezeit am Gate dürften einen erheblichen Teil der Zeitersparnis des Fliegens wieder auffressen.

Schliesslich erinnert auch der Bund seine Mitarbeiter in einem ausführlichen Merkblatt daran, dass Flugreisen «erhebliche klimaschädigende Treibhausgasemissionen» zur Folge haben, und listet mehr als ein Dutzend Tipps auf, wie sich Dienstreisen per Flugzeug vermeiden lassen. Die Bundesbeamten sind beispielsweise angehalten, statt zu fliegen auf Telefon- oder Videokonferenzen zurückzugreifen, die Delegationsgrösse bei Auslandsmissionen auf ein Minimum zu reduzieren und «wo immer möglich den öffentlichen Verkehr zu benutzen». Als Faustregel gilt beim Bund, dass Zielorte, die nicht weiter als fünf bis sechs Bahnstunden vom Ausgangspunkt entfernt liegen, «grundsätzlich mit der Bahn statt mit dem Flugzeug erreicht werden».

Die Realität sieht jedoch anders aus. Während der Bund 2012 mit Flugreisen noch mindestens 17 200 Tonnen CO2-Emissionen verursachte, waren es im Jahr 2017 bereits 19 000 Tonnen. Auch Kurzstrecken-Trips zwischen Zürich und Genf oder Lugano wird es weiterhin geben. «Ein Verbot dieser Inland-Flüge ist nicht geplant», heisst es beim Bundesamt für Energie.