Geschäftemacherei mit unzuverlässigen Alzheimer-Bluttests

Pharmariesen wie Roche versprechen eine „diagnostische Revolution“ durch einfache Bluttests. Doch Experten warnen vor einem fragwürdigen Geschäftsmodell auf Kosten der Patienten.

Schlüssel verlegt? Termine vergessen? Das könnte laut Pharma-Werbung „mehr als normales Altern sein“. Mit diesem Slogan lockt die Industrie verunsicherte Menschen zu teuren Alzheimer-Tests – obwohl deren Nutzen höchst umstritten ist.

Neue Tests, fraglicher Nutzen

Roche, Eli Lilly und andere Pharmariesen bringen derzeit Bluttests auf den Markt, die Alzheimer-Biomarker nachweisen sollen. Der Basler Konzern bewirbt seinen „Elecsys pTau 181″-Test als Durchbruch: Eine einfache Blutprobe soll ausreichen, um „Klarheit“ über geistigen Verfall zu schaffen. Ab Herbst sollen Hausärzte den Test anbieten können.

Das Problem: Diese Biomarker finden sich auch bei 30 Prozent der geistig völlig gesunden Menschen. „Das öffnet gewissermaßen die Büchse der Pandora“, warnt Neurologe Ahmad Sajjadi. Vom Nachweis der Biomarker bis zur tatsächlichen Demenz können 20-30 Jahre vergehen – wenn sie überhaupt ausbricht.

Schwache Medikamente, starke Werbeversprechen

Parallel drängen neue Alzheimer-Medikamente wie Lecanemab und Donanemab auf den Markt. Ihre Wirkung ist minimal: Patienten stehen nach 18 Monaten lediglich 0,45 Punkte besser da auf einer Skala von 0-18. „Wir sehen nur, dass sich der Zustand genauso verschlechtert wie ohne Behandlung“, berichten Kollegen aus Japan und Südkorea.

Die EU-Arzneimittelbehörde lehnte Lecanemab zunächst wegen geringer Wirksamkeit und schwerer Nebenwirkungen ab. Erst im zweiten Anlauf erhielt es eine eingeschränkte Zulassung. Kostenpunkt: 26.500 Dollar pro Jahr.

Geschäftsmodell Früherkennung

Eine Arbeitsgruppe der Alzheimer-Vereinigung redefinierte 2024 kurzerhand die Krankheit: „Symptome sind nicht nötig, um Alzheimer zu diagnostizieren.“ Ein Drittel der Mitglieder arbeitet für Pharmafirmen, ein weiteres Drittel hat „signifikante Interessenkonflikte“.

Die Strategie ist klar: Mehr gesunde Menschen testen, mehr „Kranke“ finden, mehr Medikamente verkaufen. Eli Lilly wirbt bereits aggressiv: Schlüssel verlegt? Das könnte „mehr als normales Altern sein“.

Experten schlagen Alarm

„Die Bluttests sind noch nicht reif für den breiten Einsatz“, urteilt Medizinprofessor Peter Whitehouse. „Als Arzt würde ich sie nicht anbieten.“ Das Risiko von Fehl- und Überdiagnosen sei „groß und besorgniserregend“.

Dabei gibt es bewährte Alternativen: Bis zu 40 Prozent der Demenz-Fälle ließen sich durch Behandlung von Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes oder Hörverlust verhindern. „Aber Risikofaktoren zu eliminieren ist viel schwieriger, als ein neues Medikament zu spritzen“, so Whitehouse.

Die vermeintliche diagnostische Revolution entpuppt sich als gut orchestrierte Geschäftsstrategie – auf Kosten verunsicherter Patienten.

Quelle

Infosperber 8.09.2025 – Alzheimer-Bluttests: «Nicht reif für den breiten Einsatz»