«Beim Klima kann es keine Trittbrettfahrer geben»

20min 26.08.2018

Verbot von Kurzstreckenflügen

von A. Peterhans – Der 20-Minuten-Vergleich verschiedener Transportmittel sorgte für Debatten. Klimaexperte Reto Knutti stellt sich kritischen Leser-Kommentaren.

Kurzstreckenflüge boomen und sind billig. Manchen Politikern wie dem Baselbieter Grünen-Präsident Bálint Csontos ist das ein Dorn im Auge: Der Flugverkehr belaste das Klima am meisten. Kurzstreckenflüge innerhalb Europas sollten deshalb verboten werden, fordert er.

In einem Vergleich hatte 20 Minuten den CO2-Ausstoss für mehrere Städtetrips berechnet. Dabei zeigte sich: Zug und Fernbus schneiden ökologisch gut ab, das Flugzeug ist dafür häufig am billigsten. Der Vergleich sorgte für heftige Debatten – und die Verbotsforderung auf viel Widerstand.

Auch ETH-Professor und Klimaexperte Reto Knutti kann nicht ganz aufs Fliegen verzichten: «Ich besitze kein Auto. Beruflich kann ich das Fliegen nicht ganz vermeiden, internationale Spitzenforschung erfordert Austausch.» Er halte sich aber an die Aussage von ETH-Präsident Lino Guzzella: «Shopping in New York ist kein Menschenrecht.» Welche Argumente im Klimastreit Sinn machen und welche nicht, zeigt Knutti anhand von Leserkommentaren auf.


Knutti: Tatsächlich bringt es wenig, wenn die Schweiz allein etwas macht. Und grosse Länder haben höhere Gesamtemissionen. Pro Kopf sind unsere aber hoch. Es liegt in der Natur von globalen Problemen, dass alle ihren Beitrag leisten und es keine Trittbrettfahrer geben kann. Ich kann auch nicht argumentieren, dass meine Steuern im Vergleich zu den gesamten Steuereinnahmen der Schweiz so klein sind, dass es keinen Unterschied macht, ob ich sie bezahle oder nicht. Die Schweiz hat mit gut ausgebildeten Menschen, mit Innovation und mit finanzieller Kapazität die Möglichkeit, anderen zu zeigen, wie wir hier weiterkommen, statt dass wir uns zurücklehnen und uns von China überholen lassen.


Knutti: Mit mehr Personen pro Auto schneidet das Auto natürlich etwas besser ab als mit nur einer Person, aber qualitativ bleiben die Unterschiede. Und machen wir uns nichts vor: Die durchschnittliche Belegung liegt bei etwa 1,6 Personen pro Auto im Pendlerverkehr, und bei 2 Personen pro Auto im Freizeitverkehr. Diese Tendenz ist seit vielen Jahren eher sinkend.


Knutti: Das ist falsch. Der Salat nimmt CO2 auf, wenn er wächst, und wenn er auf dem Kompost verrottet, wird das CO2 wieder abgegeben. Oder wir essen ihn und atmen das CO2 aus: Der Kreislauf ist geschlossen. Der Anstieg des CO2 in der Luft ist zu hundert Prozent eine Folge der Verbrennung von Öl, Gas und Kohle und zu einem kleineren Teil der Abholzung und
Zementproduktion etc.


Knutti: Unter grauer Energie versteht man Energie und damit auch CO2-Emissionen für die Herstellung des Verkehrsnetzes wie Strassen, Schienen oder Flughäfen. Eine Gesamtbilanz über den Lebenszyklus kann auch Umweltschäden, Recycling etc. beinhalten. Das wird kompliziert und hängt davon ab, wo man ist, ob es ein Bahnnetz schon gibt oder man es neu bauen muss. Eine viel zitierte Studie kommt für die USA zum Schluss, dass Energie und Treibhausgase im Mittel 63 Prozent höher sind für Autos, 155 Prozent für die Bahn, und 31 Prozent höher für den Flugverkehr, wenn man diese Faktoren berücksichtigt. Tatsächlich braucht die Bahn relativ viel Infrastruktur, aber aus Klimasicht schneidet sie in der Gesamtbilanz immer noch sehr gut ab.


Knutti: Kreuzfahrten bilden einen kleinen Anteil der gesamten Mobilität. Das Problem von Kreuzfahrtschiffen ist aber, dass sie mit Schweröl betrieben werden und damit viele Schadstoffe ausstossen. Gerade in sensitiven Ökosystemen ist dies ein Problem.


Knutti: Ohne Zweifel brauchen mehr Menschen mehr Ressourcen. Aber erstens brauchen ein paar Menschen (wie wir) sehr viele Ressourcen, gerade dort, wo die Geburtenrate tief ist. Und zweitens müssen für die Klimaziele von Paris alle Menschen ihre CO2-Emissionen auf praktisch null reduzieren, auch wir. Wir können unsere Verantwortung nicht abschieben.