Corona befeuert den Preiskampf bei der Swiss

TA 23.06.2020

Um Flieger zu füllen, setzt die Airline wieder vermehrt auf eine umstrittene Praxis: Sie lockt Gäste mit tiefen Ticketpreisen zum Umsteigen über den Flughafen Zürich.

Es ist eine der Skurrilitäten der modernen Luftfahrt: Wer mit einer Fluggesellschaft über ihr Drehkreuz fliegt – also zwei Flüge macht –, bezahlt oft weniger als jemand, der erst am Drehkreuz zum zweiten dieser Flüge einsteigt.

Dabei ist der Aufwand der Fluglinie für ersteren Passagier grösser. Zum Beispiel hätte jemand, der am Montagnachmittag bei der Swiss für den 4. August die Verbindung München–Zürich–Chicago in der First Class gebucht hat, 8151 Franken bezahlt. Wer dagegen bloss von Zürich nach Chicago will, hätte 12’208 Franken bezahlt. Den Umsteigeflug zu kaufen, dann aber erst in Zürich zuzusteigen, funktioniert nicht – die Swiss würde einen nicht ins Flugzeug lassen, wenn man den ersten Flug nicht angetreten hat.

All das ist erstens für den Direktpassagier stossend. Zweitens ist es ökologischer Unsinn, da man direkt von München nach Chicago fliegen könnte. Und drittens ist diese Konkurrenz für die Airlines ruinös.

Der Grund für diese Praxis ist der Markt. Fluggesellschaften wie die Swiss, aber auch Air France, British Airways oder Alitalia wollen mit tiefen Preisen so viele Passagiere wie möglich über den eigenen Hub schleusen. Denn nur dank ihnen erreichen sie den nötigen Sitzladefaktor, um die Flüge gewinnbringend anzubieten.

So wären bei der Swiss vor Corona bloss fünf von 25 Langstreckendestinationen allein mit Direktpassagieren profitabel gewesen. Umsteigepassagiere machen bei ihr rund die Hälfte des Volumens aus. Das ist im internationalen Vergleich ein tiefer Wert; normal sind 60 bis 80 Prozent. Der Grund liegt im kaufkräftigen Heimmarkt – die Schweizer fliegen viel.

Zwar gibt es diese preislichen Unterschiede schon lange. Doch als Folge der Corona-Pandemie dürften sie für die Fluglinien weiter an Bedeutung gewinnen: «Die Airlines können die Kapazitäten nicht so schnell an die deutlich geringere Nachfrage nach unten anpassen. Daher erwarten wir weiterhin deutliche Überkapazitäten im Markt», sagt Florian Dehne, ehemaliger Swiss-Strategiechef und heute Aviatikexperte des Unternehmensberaters Oliver Wyman. Gründe für die niedrigere Nachfrage sind unter anderem Grenzschliessungen oder der Respekt vieler vor einer Ansteckung während der Reise.

Am schwerwiegendsten wird aber die schleppende Erholung der Weltwirtschaft sein, selbst wenn bald eine Impfung gegen das Virus bereitstehen sollte. «Nach der Finanzkrise dauerte es achtzehn Monate, bis die Preise wieder auf dem Vorkrisenniveau angelangt waren», sagt Dehne. «Bei Covid sind sich die meisten einig, dass es deutlich länger dauern wird.»

In dieser Zeit könnten sich die Airlines mit Hub-System stärker mit tiefen Umsteigepreisen bekämpfen als je zuvor. «Es wird auf Jahre hinaus ein starker Verdrängungskampf werden», prognostiziert darum auch Thomas Jaeger vom Luftfahrtdatenanbieter CH-Aviation.

Überkapazitäten wegen Steuermilliarden

Die Swiss dagegen schreibt: «Die Preise werden krisenbedingt niedriger ausfallen, doch wir sind davon überzeugt, dass sich der Markt auf längere Sicht wieder erholen wird.» Die Frage, worauf diese Annahme beruht, beantwortet sie nicht.

Die Chancen zur Erholung wären besser gestanden, wenn die nationalen Regierungen von Tschechien über Italien bis Grossbritannien ihre jeweiligen Fluggesellschaften nicht mit Steuergeld gerettet hätten, sagen Experten. «So wird künstlich Kapazität am Leben gehalten, die unter Marktbedingungen schnell verschwinden würde», sagt Thomas Jaeger. «Es gibt in Europa viel zu viele Airlines. Statt dass einige wenige prosperieren, leiden alle.»

Eine Folge dürfte sein, dass es lange dauern wird, bis die Swiss wieder die üppigen Gewinne von vor der Krise einfliegen wird. Entsprechend unsicher ist es, ob und bis wann sie den Milliardenkredit mit Staatsgarantie, um den sie in diesen Tagen zittert, zurückzahlen kann.