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Das vergessene Grundbedürfnis: Öffentliche WCs in der Schweiz

Öffentliche Toiletten sind in vielen Schweizer Gemeinden Mangelware. Was auf den ersten Blick wie eine Nebensächlichkeit wirkt, entpuppt sich als grundlegende Frage der Infrastruktur, die alle Bevölkerungsgruppen betrifft – von Senioren über junge Familien bis hin zu Obdachlosen.

Eine Frage der Würde und Lebensqualität

Wo finde ich die nächste öffentliche Toilette? Was als banales Alltagsproblem erscheint, ist eine fundamentale Frage der Infrastruktur und sozialen Gerechtigkeit. Der Fall der Gemeinde Maur, wo eine Verkäuferin in Ebmatingen täglich Kunden nach Zumikon verweisen muss, weil im ganzen Ort kein öffentliches WC existiert, illustriert ein schweizweites Problem: Öffentliche Toiletten werden bei der Planung systematisch vernachlässigt.

Wer ist betroffen?

Für ältere Menschen ist die Verfügbarkeit öffentlicher WCs oft entscheidend für die Teilhabe am öffentlichen Leben. Viele schränken ihre Mobilität ein, aus Angst, unterwegs keine Toilette zu finden. Junge Familien kämpfen mit ähnlichen Problemen, wenn Wickelmöglichkeiten fehlen. Auch Berufsgruppen wie Strassenbauer, Verkehrdienste oder Kurierfahrer arbeiten oft stundenlang ohne sanitäre Infrastruktur. Ein Restaurantbesuch ist für sie meist ausgeschlossen.

Das Dilemma mit Obdachlosen

Die schwierigste Frage: Was geschieht, wenn öffentliche WCs von Obdachlosen oder Drogenabhängigen genutzt werden? Viele Gemeinden fürchten, dass diese Anlagen zu Problemzonen werden. Diese Sorge ist nicht unbegründet – verschiedene Schweizer Städte mussten WC-Anlagen aufgrund massiver Probleme wieder schliessen.

Dennoch: Menschen ohne festen Wohnsitz haben ebenfalls Grundbedürfnisse. Wer ihnen den Zugang verwehrt, zwingt sie zur Verrichtung ihrer Notdurft in Parks oder Hauseingängen – das Problem wird nicht gelöst, sondern verschärft.

Lösungsansätze für Sicherheit und Hygiene

Verschiedene Konzepte werden in europäischen Städten erprobt: Automatische Toiletten mit Selbstreinigung und zeitlich begrenzter Nutzung, beaufsichtigte Anlagen an Bahnhöfen mit höchstem Standard, intelligente Zugangssysteme mit zeitlicher Begrenzung sowie Social Design mit guter Beleuchtung und transparenter Gestaltung.

Eine moderne WC-Anlage kostet in der Anschaffung 150’000 bis 250’000 Franken, plus jährliche Betriebs- und Reinigungskosten von 20’000 bis 40’000 Franken – für wohlhabende Gemeinden durchaus verkraftbar.

Ein Paradigmenwechsel ist nötig

Die Leserbriefschreiberin aus Ebmatingen bringt es auf den Punkt: „Die Steigerung der Lebensqualität entsteht von unten nach oben – nicht umgekehrt.“ Gemeinden sollten die Grundversorgung sicherstellen. Ein öffentliches WC ist keine Annehmlichkeit, sondern elementare Infrastruktur.

Eine zivilisierte Gesellschaft misst sich daran, wie sie mit den grundlegendsten Bedürfnissen aller ihrer Mitglieder umgeht – der älteren Dame, dem Bauarbeiter, der jungen Mutter und auch dem Obdachlosen. Das öffentliche WC ist kein glamouröses Thema. Aber vielleicht ist es genau deshalb so lange vergessen worden.

Quelle

MZ 13.11.2025 – Öffentliches WC statt luxuriöse Sportanlage