Herzchirurg André Plass arbeitete 17 Jahre als Kaderarzt am Universitätsspital Zürich – bis er schriftlich Alarm schlug. Im Interview mit Inside Paradeplatz schildert der Whistleblower, wie ein Klinikdirektor ein technisch fragwürdiges Herzimplantat gegen jede Evidenz vorantrieb, wie ein 690-Millionen-Dollar-Deal im Hintergrund stand und warum das Spital seinen Kritiker entliess statt zu handeln.
Inside Paradeplatz – Interview mit Whistleblower André Plass · 22. Mai 2026
Ein Implantat mit konstruktivem Grundfehler
Im Zentrum des Skandals steht das CardioBand – ein Kathetergerät zur Behandlung undichter Herzklappen, das der damalige Klinikdirektor Professor Francesco Maisano gemeinsam mit der israelischen Firma Valtech entwickelt hatte. Plass erklärt, warum er das Produkt von Anfang an für untauglich hielt: Das Band wird mit Schrauben in das weiche Herzgewebe geschraubt – in ein Organ, das sich bei jedem Herzschlag bewegt und nie ruhiggestellt werden kann.
«Man schraubt Schrauben in einen Muskel», sagt Plass, «und das Herz kann man nicht ruhigstellen, damit die Schrauben einwachsen.» Tiermodelle fehlten. Weder die Haltekräfte noch die Gewebequalität wurden je systematisch geprüft. Das Risiko, dass Schrauben sich lockern oder ausreissen, war nach Einschätzung von Plass von Anfang an unkontrollierbar.
2016 kam es zum Eklat: Bei einer als «Weltpremiere» angekündigten Operation an der Trikuspidalklappe brach ein Draht im Implantat. Das Team setzte stillschweigend ein zweites Gerät über das erste. Das Spital veröffentlichte danach eine Medienmitteilung und anschliessend eine wissenschaftliche Publikation – beide mit positiven Ergebnissen, beide ohne Erwähnung des Zwischenfalls. Erst auf Druck hin musste die Publikation korrigiert werden.
«Sie haben rausgeschnitten, dass der Draht gebrochen ist – das Video ist schlicht ein Fake.»
690 Millionen Dollar und ein ungünstiger Zeitpunkt
Der Drahtbruch ereignete sich im Herbst 2016. Vier Monate später, im Februar 2017, kaufte der US-Konzern Edwards Lifesciences die Firma Valtech für 690 Millionen US-Dollar. Die erste Meilensteinzahlung von 340 Millionen war bereits zuvor mit der CE-Zulassung für die Mitralklappe geflossen. Maisano war Aktionär von Valtech und profitierte direkt vom Deal.
«Wenn der Drahtbruch gross herausgekommen wäre, hätten sie vielleicht die Technik generell hinterfragt», sagt Plass. Er vermutet, dass das Verheimlichen des Vorfalls und der Zeitpunkt des Trade Sales kein Zufall waren. Für die verbleibende Meilensteinzahlung von 300 Millionen sowie einen zweiten Deal rund um das Folgeprodukt CardioValve mit einer chinesischen Firma – nochmals über 300 Millionen – wäre ein öffentlich bekannter Drahtbruch zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt gekommen.
Königreich statt Klinik
Parallel zum Implantat-Geschäft verwahrloste laut Plass der klinische Betrieb. Es fehlten Standards, Dokumentation, Führung. Maisano förderte Kaderpositionen, die mit dem klinischen Alltag kaum mithalten konnten: Ein Leitender Arzt war nicht in der Lage, nachts selbständig Bypass-Operationen durchzuführen. «Da gab es Herzinfarkte, da musste ich, obwohl ich keinen Dienst hatte, hinfahren und operieren.»
Professor Michele Genoni wurde 2015 vom Stadtspital Triemli geholt, um die Qualität zu stabilisieren. Als er erkannte Mängel korrigieren und Standards durchsetzen wollte, stiess er auf Widerstand. Im März 2019 wurde er von der Spitalleitung freigestellt. Maisano übernahm das Qualitätsmanagement danach wieder selbst.
Die Meldung und ihre Folgen
Im Dezember 2019 übergab Plass CEO Gregor Zünd ein detailliertes Dokument mit zwölf exemplarischen Patientenfällen – verbunden mit der Bitte um flankierende Schutzmassnahmen, ausdrücklich nicht um die sofortige Entlassung Maisanos. Die Reaktion: Stille. Dann ein Sabbatical-Angebot. Dann ein temporäres Operationsverbot – telefonisch mitgeteilt, mit der Begründung, man «überlege sich noch einen Grund».
Im Frühjahr 2020 erschien der Bericht der Kanzlei Walder Wyss. Er dokumentierte Missstände – verharmloste sie aber in seinen Schlussfolgerungen konsequent. Maisano durfte bleiben. Plass wurde entlassen. Die parlamentarische Subkommission des Zürcher Kantonsrats kam 2021 zum Schluss, es sei «nichts Gravierendes» passiert.
Späte Aufarbeitung
Erst der Bericht von Alt-Bundesrichter Niklaus Oberholzer brachte rund fünf Jahre nach Plass‘ Meldung Klarheit: Rund 70 Patienten starben möglicherweise unnötig. Plass reichte eine Strafanzeige ein – nach eigenen Angaben wurde er dazu bis heute nie einvernommen. Heute ermittelt eine Spezialkommission der Staatsanwaltschaft mit vier Staatsanwälten.
Sein Fazit ist nüchtern: «Massnahmen sind nur dann nachhaltig, wenn es für Missstände und deren Ursachen auch Konsequenzen gibt.»