Googles KI entscheidet ohne Transparenz und Kontrolle darüber, welche Quellen sichtbar sind und welche nicht. So wird der Konzern zur mächtigsten Redaktion der Welt.
Mit dem Aufstieg der KI-Suche vollzieht Google einen Rollenwechsel, der in seiner gesellschaftlichen Tragweite bisher kaum diskutiert wird. Es geht nicht mehr nur darum, welche Webseiten ein Algorithmus nach oben reiht. Es geht darum, wer überhaupt noch eine Stimme hat, wenn Milliarden von Nutzern ihre Antworten direkt von Google erhalten, ohne je auf eine externe Quelle zu klicken.
Google übernimmt damit eine Funktion, die in demokratischen Gesellschaften traditionell an institutionelle Verantwortung geknüpft ist: die Auswahl, welche Informationen sichtbar werden. Klassische Verlage benennen Chefredakteure, haften für Inhalte, müssen Entscheidungen begründen. Bei Google trifft die KI dieselbe Entscheidung, welche Stimme in der Antwort erscheint, welche nicht, ohne vergleichbare Rechenschaftspflicht.
Wer zahlt, wird sichtbar
Besonders aufschlussreich ist Googles Umgang mit Inhalten. Der Konzern schloss erste Lizenzdeals im Stillen, etwa mit der Associated Press, um Quellen für seinen Gemini-Chatbot einzukaufen. Wer in dieses Arrangement passt, gewinnt Sichtbarkeit in den KI-Antworten. Wer nicht zahlt oder nicht gefragt wird, riskiert aus dem kuratierten Ausschnitt des Webs zu verschwinden, den die KI täglich Milliarden von Nutzern präsentiert. Redaktionelle Relevanz wird damit zunehmend zur Verhandlungssache.
Hinzu kommt die Funktion «bevorzugte Quellen», die Nutzern scheinbar Kontrolle über ihre Informationsquellen gibt. In der Praxis wird sie kaum jemand nutzen. Google kann dennoch darauf verweisen, die Wahl läge beim Nutzer. Ausserhalb dieser Auswahl verteilt der Konzern Sichtbarkeit nach eigenen, intransparenten Regeln.
Informationsmacht ohne Mandat
Google argumentiert, KI-Antworten generierten langfristig mehr Klicks. Die Marktdaten zeichnen aber ein anderes Bild. Bereits 60 Prozent aller Suchanfragen enden ohne einen Klick auf eine externe Seite, auf Mobilgeräten 77 Prozent. Die Werbeeinnahmen verbleiben bei Google. Die Publisher tragen die Kosten.
Das eigentliche Problem liegt tiefer. Wenn ein Grossteil der Bevölkerung denselben KI-gesteuerten Kanal als primären Zugang zu Wissen nutzt, entscheidet Googles KI in Echtzeit, welche Perspektiven sichtbar sind und welche nicht. Statt eines pluralen Netzes aus hunderten unabhängiger Quellen erhält jeder Nutzer eine vorgefilterte Antwort, kontrolliert von einer einzigen kommerziellen Instanz.
Das offene Web war nie unproblematisch. Aber es war plural, anfechtbar und dezentral, und kein einzelner Akteur besass es. Was Google derzeit aufbaut, folgt einer anderen Logik: ein kuratiertes Informationssystem, dessen Auswahlprinzipien weder öffentlich debattiert noch demokratisch legitimiert sind. Die Frage, wer diese Macht kontrolliert, wird deshalb eine der zentralen Medien- und Demokratiefragen der nächsten Jahre sein.