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Keine Südstarts geradeaus

Herzschrittmacher für 2’200 oder 12’900 Franken: Die dreiste Abzocke der Medizintechnik

Die Medizintechnik-Branche in der Schweiz gleicht einem Selbstbedienungsladen, in dem Hersteller nach Belieben Preise diktieren können. Mit einem jährlichen Umsatz von 9 Milliarden Franken – rund 10% der gesamten Gesundheitskosten – nutzt die Branche raffinierte Methoden zur systematischen Übervorteilung von Spitälern und letztendlich der Prämienzahler.

Geheimhaltung als perfide Waffe

Das wirksamste Instrument der Preistreiberei sind vertraglich vereinbarte Geheimhaltungsklauseln. Hersteller verpflichten Spitäler zur Stillschweigen über Einkaufspreise und schaffen damit künstliche Informationsasymmetrie. Diese verhindert Preisvergleiche und zerstört jegliche Verhandlungsmacht der Kliniken. Während Spitäler im Dunkeln tappen, können Hersteller beliebig unterschiedliche Preise verlangen – selbst für identische Produkte in derselben Stadt.

Willkürliche Preisfestsetzung ohne Rechtfertigung

Der Fall des Herzschrittmachers Edora 8 DR-T von Biotronik entlarvt die Dimension der Willkür: Derselbe lebensrettende Schrittmacher kostete zwischen 2’200 und 12’900 Franken – eine schockierende Preisdifferenz von 486%. Bei geschätzten Herstellungskosten von unter 500 Franken pro Gerät werden Gewinnmargen von bis zu 2’500% realisiert. Diese extremen Spannen lassen sich weder durch Mengenrabatte noch durch unterschiedliches Verhandlungsgeschick erklären.

Perverse Anreizsysteme im ambulanten Bereich

Besonders perfide ist die Ausnutzung des ambulanten Abrechnungssystems: Hier verrechnen Spitäler ihre Aufwendungen für Medizinprodukte direkt an die Krankenkassen weiter. Je höher der Einkaufspreis, desto mehr können sie abrechnen. Dies schafft fatale Fehlanreize: Warum günstig einkaufen, wenn teure Produkte höhere Margen ermöglichen und die Kosten ohnehin die Versichertengemeinschaft trägt?

Ausnutzung von Marktmacht und Abhängigkeiten

Medizintechnik-Hersteller nutzen ihre Quasi-Monopolstellung bei spezialisierten Produkten schamlos aus. Ärzte sind oft auf bestimmte Systeme eingeschult, Wechselkosten sind prohibitiv hoch, und alternative Anbieter fehlen. Diese strukturelle Abhängigkeit wird systematisch zur Preistreiberei missbraucht.

Politische Blockadehaltung

Die Branche wehrt sich mit intensiver Lobbyarbeit vehement gegen jede Transparenzforderung. Regulierungsversuche werden verzögert oder verwässert, während die lukrative Intransparenz eisern verteidigt wird.

Die Zeche zahlen die Versicherten

Diese Machenschaften funktionieren nur, weil die wahren Kostenträger – die Prämienzahler – keine Einsicht in die Preisstrukturen haben. Während Parlamentarier parteiübergreifend Empörung äußern und dringend Reformen fordern, kassiert die Medizintechnik-Branche ungeniert weiter ab. Nationalrätin Barbara Gysi bringt die Situation treffend auf den Punkt: „Wir haben einen Selbstbedienungsladen – das muss aufhören.“

Ohne radikale Transparenz und koordinierten Einkauf wird diese systematische Ausbeutung des Gesundheitssystems weitergehen – auf Kosten einer solidarischen und bezahlbaren Gesundheitsversorgung für alle.

Quellen

Beobachter 04.02.2025 – Preisüberwacher deckt Abzocke in Spitälern auf

Blick 30.10.2023 – Der gleiche Herzschrittmacher kostet 2’200 oder 12’900 Franken

TA 30.10.2023 – Parlamentarier wollen Abzocke mit Medizin­produkten den Riegel vorschieben