Hier donnern die Südstarter übers Oberland

ZO 29.08.2017

Letzte Woche gab der Bundesrat das neue Abflugregime für den Flughafen Zürich bekannt. Neu sind bis 2030 bei Biswind und Nebel jährlich rund 6600 Südstarts geradeaus über das Zürcher Oberland vorgesehen. Züriost zeigt, welche Gemeinde in Zukunft mit wie vielen Flugzeugen rechnen muss.

Südanflüge am Morgen und Abend kennen die Oberländer schon. Spätestens um fünf nach 6 Uhr drehen die ersten Flugzeuge von Rüti her ein und reihen sich, einer Perlenkette gleich, über dem oberen Zürichsee zur Landung auf Piste 34 auf und sinken langsam über die Dächer in Forch, Gockhausen und Dübendorf hinweg in Richtung Flughafen.

Das Spurbild der Südanflüge (blau) aus dem Jahr 2015 (Quelle: Flughafen Zürich)

Nun sieht der Bundesrat im SIL-Objektblatt, das raumplanerische Leitplanken und Flugrouten definiert, ein neues Start-Regime vor. So werden Südstarts im Normalbetrieb in einer weitergeführten Linkskurve geführt, um Kreuzungen mit von Norden landenden Flugzeugen über dem Flughafen zu vermeiden. Diese Route tangiert die Oberländer nur bedingt. Bei Biswind und Nebel sieht der Bundesrat aber neu Starts in Richtung Süden geradeaus über den Pfannenstiel vor.

Noch einige Hürden

Ob die neuen Routen genauso vom Flughafen beantragt werden, ist allerdings noch nicht geklärt. Pressesprecherin Sonja Zöchling liess letzte Woche offen, ob der Flughafen Zürich im neuen Betriebsreglement auch bei Nebel «Südstarts straight» beantragen wird.

Der Kanton Zürich besitzt ein Veto-Recht im Verwaltungsrat des Flughafens und hatte bereits im Vernehmlassungsverfahren des Bundes Widerstand angekündigt. Bei Biswind rechnet der Flughafen bei vier Prozent und bei Nebel bei drei Prozent der Betriebszeit mit Südstarts geradeaus.

Hälfte der Flüge übers Oberland

Total rechnet der Bund bis ins Jahr 2030 mit rund 13‘000 «Südstarts straight» pro Jahr. Gemäss Daten des Bundesamtes für Zivilluftfahrt (Bazl) drehen 45 Prozent der Flüge frühzeitig gegen Westen ab und tangieren das Oberland deshalb nicht. Zirka 55 Prozent der Flüge drehen aber nach der ersten Startphase auf Höhe Maur nach Osten ab. Die sogenannten Streuspuren der Flugrouten zeigen ein etwas differenzierteres Bild.

Die ersten Flugzeuge werden bereits auf Höhe Dübendorf, der grösste Teil etwas später über Fällanden und die letzten über Maur gegen Osten abdrehen. Das bedeutet für einige Oberländer Gemeinden eine stärkere Fluglärmbelästigung.

Die neuen Routen gemäss SIL:

Eine Überschreitung der Lärmgrenzwerte ist durch die neue Routenführung gemäss Bazl nicht vorgesehen. Dies weil die Fluglärm-Grenzwertkurven jeweils für das ganze Jahr und über den gesamten Betriebszeitraum berechnet werden.

Das neue Regime soll nur bei Biswind und Nebel angewandt werden, was gemäss Angaben des Flughafens an rund 25 Tagen des Jahres der Fall sein wird. Doch über diese 25 Tage verteilt werden 6628 Flüge über die Streurouten fliegen. Das ergibt pro Tag rund 265 Flüge.

Greifensee-Gemeinden stark betroffen

Davon besonders betroffen sein werden Dübendorf, Fällanden, Volketswil, Greifensee, Maur und Uster. Lothar Ziörjen, Präsident des Fluglärmforms Süd und Stadtpräsident von Dübendorf teilte bereits letzte Woche in Richtung Bundesrat aus: «Der Bundesrat fährt mit der Dampfwalze über eine ganze Region.»

Auch Wangen-Brütisellen wird durch die Streubreite der Starts mit «Left Turn» im Normalbetrieb und der engsten Route Richtung Osten bei Biswind zusätzlichen Belastungen ausgesetzt. Für Greifensee, Maur und Uster wird die zusätzliche Belastung aber durchaus spürbar und vor allem neu sein.

Die Fluglärmberechnungen der Empa, die sie für den Flughafen Zürich angestellt hatte und die auf der Website des Bundesamtes für Zivilluftfahrt (Bazl) zugänglich sind, beziehen sich jedoch immer auf einen längeren Zeitraum. Diese Grenzwerte orientierten sich an Werten für eine dauerhafte, gesundheitliche Belastung, erklärt Kurt Eggenschwiler, Abteilungsleiter Akustik bei der Empa.

Genaue akustische Berechnungen der Lärmbelastungen auf den geplanten Routen stellt die Flughafen Zürich AG auf Anfrage nicht zur Verfügung. Aber mit einer groben Berechnung aufgrund der Daten aus den Bazl-Berichten lässt sich die Dezibel-Belastung am Boden durchaus aufzeigen.

So hat Züriost gerechnet

Für die Berechnung der Dezibel-Werte in den Gemeinden wurden Grundlagendaten des Flugzeugtyps Airbus A320 herangezogen. Gemäss Unterlagen der EMPA weist dieses Flugzeug bei einem Abstand von 300 Metern vom Boden einen Maximal-Pegel von 86 Dezibel aus.
  
Eine Verdoppelung des Abstandes bewirkt eine Reduktion von etwa 6 Dezibel. Die Strecke der Route wurde grob auf maps.geo.admin.ch gemessen und der ungefähre Wert in der Tabelle Höhenprofile-Grossflugzeuge ab Startbahn 16 abgelesen. Für die jeweilige Gemeinde ergab das eine Dezibelzahl im Freien. Die Zahl in geschlossenen Räumen ist nochmals 15 Dezibel tiefer. Diese Zahlen und Annahmen gelten für einen einzelnen Überflug und lässt die Dämpfung der Luft ausser Acht.
 
Kurt Eggenschwiler sagt: «Eine solche Schätzung gibt einen ersten Eindruck wie stark die Belastung ausfallen könnte. Sie hat allerdings eine gewisse Fehlerquote.»

Eine Einordnung der Dezibelzahlen

Der Alarmwert gemäss Lärmschutzverordnung liegt bei 70 Dezibel sprich einem vorbeifahrenden Auto oder einem Rasenmäher. 60 Dezibel entsprechen in etwa einer normal geführten Diskussion. Bei 55 Dezibel läuft der Fernseher in Zimmerlautstärke und 50 Dezibel entsprechen Vogelgezwitscher.

Die Bewohner von Dübendorf und Fällanden wird an 25 Tagen im Jahr also eine erhebliche Mehrbelastung – rund 80 Dezibel – treffen. Die Belastung wie in Volketswil oder Maur mit 72 Dezibel draussen direkt unter dem Flugzeug und 57 Dezibel in Gebäuden mit gekippten Fenstern, sollte wohl die wenigsten in Aufregung versetzen, zumindest solange die Lärmbelastung über den Tag verteilt wird.

Der Tag beginnt um 6 Uhr

Denn Kurt Eggenschwiler sagt: «Für die meisten Fluglärmbelästigten im Oberland ist wohl weniger der gesamte Belästigungszeitraum relevant, sondern der erste Flieger, der morgens um 6 Uhr über die Ortschaft fliegt und ihn weckt.» Ausserdem steigen die Flugzeuge beim Start steiler in die Höhe. Beim heutigen Südanflug flögen sie viel flacher über das Gelände hinweg.

Uster und Greifensee hatten bisher verhältnismässig wenig Fluglärm, auch die Südanflüge am Morgen und am Abend tangierten die beiden Gemeinden bisher relativ wenig. Durch das neue Regime kommt aber bis 2030 an 25 Tagen im Jahr erheblich mehr Flugverkehr auf die beiden Gemeinden zu.

Uster wird künftig stärker betroffen sein

Usters Stadtpräsident Werner Egli (SVP) ruft allerdings zu Gelassenheit auf. «Wir sollten jetzt nicht in Panik geraten.» Er fand in der vergangenen Woche zwar schon sehr viele E-Mails von besorgten Bürgern in seinem Postfach. Aber für ihn sind die effektiven Starts der Flieger noch weit weg.

«Wir warten jetzt mal ab, welche Routen der Flughafen in seinem neuen Betriebsreglement beantragen wird.» Die Stadt Uster sei Mitglied beim Fluglärmforum Süd. Lothar Ziörjen sei schon lange dabei und mache das gut. Man wolle den Entscheid analysieren und dann auf Kantonsebene entsprechendes Lobbying betreiben.

Kanton hat noch ein Wort mitzureden

In der Tat ist ein definitiver Entscheid noch nicht gefallen, das Betriebsreglement benötigt die Zustimmung des Regierungsrates. Der Regierungsrat wird in einem ersten Schritt aufgrund der Änderungen im SIL-Objekt-Blatt nun Anpassungen im kantonalen Richtplan einleiten. Diese Änderungen bedürfen der Bewilligung des Kantonsrates.

Für Egli ist  klar: «Es werden mehr Flugzeuge über Uster hinweg fliegen.» Denn der Bund rechnet auch nach 2030 mit einer starken Zunahme des Linien-Flugverkehrs am Flughafen Zürich. «Bis die Flieger auf der neuen Route starten, werden wohl noch einige Jahre ins Land gehen», so Egli. Am Ende werden wohl die Gerichte entscheiden.