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Südstarts geradeaus
Keine Südstarts geradeaus

Hochhaus-Abstimmung in Zürich: Warum die Bauweise über die Hitze entscheidet

Am 27. September stimmt Zürich über neue Hochhausrichtlinien ab. Zur Wahl stehen zwei Varianten: der Vorschlag des Stadtrats und eine strengere Fassung aus dem Gemeinderat.

Der Stadtrat will in Aussenquartieren Bauten bis 40 Meter erlauben, der Gemeinderat hat diese Zonen mehrheitlich gestrichen. Im Zentrum der Debatte steht damit eine Frage, die weit über Ästhetik hinausgeht: Wie hoch darf eine Stadt werden, die im Sommer 2026 bereits mehr Hitzetage über 35 Grad zählt als in den 22 Jahren zuvor zusammen?

Zwei Vorlagen, ein Streitpunkt

Der Stadtrat will in Aussenquartieren wie Altstetten, Seebach oder Schwamendingen neu Bauten bis 40 Meter erlauben, bisher liegt das Limit bei 25 Metern. Die ungewöhnliche Allianz aus SP, Grünen, AL und SVP im Gemeinderat hat diese 40-Meter-Zonen fast vollständig gestrichen. FDP, Mitte und GLP ergriffen daraufhin das Referendum. Am 27. September entscheidet die Stimmbevölkerung zwischen beiden Varianten, ein doppeltes Nein empfiehlt keine Partei.

Höhe allein kühlt nichts

Die Befürworter der 40-Meter-Zonen argumentieren mit Verdichtung nach oben statt in die Breite. Das soll Grün- und Freiräume erhalten und die Durchlüftung der Stadt verbessern. Diese Logik greift jedoch zu kurz. Entscheidend ist nicht die Höhe eines Gebäudes, sondern seine Stellung im Raum. Simulationen der Stadt Zürich zeigen, dass breite Baukörper nächtliche Kaltluftströme vom Uetliberg oder vom Käferberg abbremsen, ähnlich einer Staumauer.

Quer zum Luftstrom platzierte Gebäude wie einst das Hotel Atlantis oder die Siedlung Grünmatt reduzieren die Reichweite der Kaltluft ins Quartier hinein. Ein 40-Meter-Turm längs zur Strömung kühlt ein Quartier eher als ein flacher Riegel quer dazu. Die Debatte über Meterzahlen übersieht damit den eigentlichen Hebel: die Ausrichtung der Baukörper.

Altstetten zeigt die Dringlichkeit

Wie real das Problem ist, zeigt die Kardiologie am Universitätsspital Zürich. Klinikdirektor Frank Ruschitzka meldet diesen Sommer bis zu 30 Prozent mehr Herznotfälle, Tropennächte ohne Abkühlung unter 20 Grad belasten das Herz besonders stark. In Altstetten, einem der dichtestbebauten und am stärksten versiegelten Quartiere der Stadt, kann es nachts bis zu fünf Grad wärmer sein als anderswo, ausgerechnet dort, wo überdurchschnittlich viele ältere und vorbelastete Menschen leben. Genau in diesen Quartieren sollen die neuen 40-Meter-Zonen entstehen.

Die BZO-Revision als zweite Baustelle

Parallel zur Hochhausabstimmung revidiert Zürich seine Bau- und Zonenordnung. Sie sieht erstmals eine verbindliche Grünflächenziffer von 15 bis 60 Prozent sowie die Verankerung der Fachplanung Hitzeminderung vor. Der Hauseigentümerverband kritisiert diese Vorgaben bereits als zu restriktiv. Die beiden Prozesse laufen getrennt, gehören aber zusammen: Wer über Gebäudehöhen abstimmt, ohne Kaltluftkorridore und Grünflächenziffern verbindlich mitzudenken, riskiert Quartiere, die zwar dichter, aber auch heisser werden.

Auch die Gebäudehülle spielt mit

Selbst gut gemeinte Neubauten sind kein Selbstläufer. Minergie-Häuser der ersten Generation aus den 2000er-Jahren kämpfen im Sommer mit Innentemperaturen von 28 Grad, weil ihre dichte Hülle ursprünglich für den Winter konzipiert wurde. Der Verein hat die Vorgaben seit 2023 verschärft, doch der Bestand bleibt betroffen. Wer in den neuen Hochzonen baut, sollte diese Lehre nicht wiederholen.

Die eigentliche Frage am 27. September

Beide Vorlagen versprechen mehr Wohnraum durch Verdichtung. Keine der beiden Kampagnen stellt bislang die Frage, ob die neuen Bauten mit den nächtlichen Kaltluftströmen der Stadt harmonieren.

Genau das entscheidet aber über die Wirkung der 40-Meter-Zonen. Richtig platzierte Türme lassen die Kaltluft ins Quartier durch. Falsch platzierte blockieren sie und heizen Altstetten zusätzlich auf.

Diese Abwägung gehört in die Abstimmungsdebatte, nicht erst in die spätere Bauplanung.

Quellen

Tages-Anzeiger, 17.08.2026 · MeteoSchweiz-Blog, August 2026 · Watson, Hitzetage & Tropennächte 2026 · bantliz.com: Minergie-Häuser, Kaltluft und Stadtplanung, Hitzenotfälle und Verdichtung