In Küsnacht offenbart sich derzeit ein Missstand, der symptomatisch für eine besorgniserregende Entwicklung in Schweizer Gemeinden ist: Fünf parteilose Kandidierende müssen sich ein einziges Wahlplakat teilen, während jede Partei unabhängig von ihrer Grösse eigene Standorte erhält.
Was die Gemeinde als technische Notwendigkeit verkauft, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als systematische Benachteiligung politischer Aussenseiter.
Die Begründung aus dem Gemeindehaus könnte kaum fadenscheiniger sein. Ein F4-Plakat könne in vier kleinere Sujets unterteilt werden, heisst es lapidar. Wie die fünf Parteilosen diese Fläche unter sich aufteilen sollen, sei deren Problem. Diese Haltung offenbart ein grundlegendes Missverständnis demokratischer Prinzipien: Wahlkampf ist kein Privileg etablierter Strukturen, sondern ein Grundrecht jedes Kandidierenden.
Die Realität ist eindeutig: Während eine Kleinpartei mit vielleicht drei Mitgliedern einen vollwertigen Plakatstandort erhält, müssen sich fünf Einzelkandidierende mit einem Fünftel der Fläche begnügen. Diese Ungleichbehandlung lässt sich weder technisch noch demokratisch rechtfertigen. Sie ist das Ergebnis einer bewussten politischen Entscheidung, die den Status quo zementiert und Newcomer systematisch benachteiligt.
Der Fall Küsnacht ist kein Einzelfall. Immer häufiger nutzen Gemeindeexekutiven ihre Machtstellung, um den politischen Wettbewerb zu ihren Gunsten zu gestalten. Sei es bei der Verteilung von Platz in Gemeindeblättern, wo etablierte Parteien bevorzugt werden, oder nun bei der Zuteilung von Wahlplakatstandorten. Die Ausreden variieren, das Muster bleibt gleich: Technische Gründe, administrative Notwendigkeiten, organisatorische Zwänge.
Hinter diesen Begründungen verbirgt sich jedoch eine Machtdemonstration, die der demokratischen Kultur schadet. Gemeinderäte und Verwaltungen sollten neutrale Garanten eines fairen Wettbewerbs sein, nicht Türsteher, die bestimmen, wer unter welchen Bedingungen politisch sichtbar sein darf. Wenn parteilose Kandidierende nur einen Bruchteil der Präsenz erhalten, die Parteikandidaten zusteht, wird die Chancengleichheit zur Farce.
Die Schweizer Demokratie lebt von Vielfalt und Durchlässigkeit. Gerade auf Gemeindeebene haben parteilose Kandidierende oft frische Perspektiven und bürgernahe Lösungen anzubieten. Wer ihnen die Sichtbarkeit im Wahlkampf verweigert, erstickt Innovation im Keim und macht Politik zum Monopol des Etablierten.
Es ist höchste Zeit, dass Gemeinden ihre Verantwortung für faire Wahlbedingungen ernst nehmen. Technische Abläufe müssen der Demokratie dienen, nicht umgekehrt. Solange fünf Kandidierende sich ein Plakat teilen müssen, während Kleinparteien eigene Standorte erhalten, gibt es keine gleichen Chancen im Wahlkampf. Und ohne diese Chancengleichheit verliert die Demokratie an ihrer Basis ihre Glaubwürdigkeit.
Quelle
Zürich24 09.01.2026 – Plakat-Streit – Küsnacht stur