Wenn die Kündigung zur Umschulung wird: Wie KI und Konjunktur die Schweizer Arbeitnehmer in die Zange nehmen

Der Schweizer Arbeitsmarkt gerät durch Konjunkturschwäche und künstliche Intelligenz gleichzeitig unter Druck. Beide Kräfte wirken parallel, oft schwer zu unterscheiden, und beide treffen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer direkt.

Die Schweiz galt lange als Insel der Stabilität. Diese Gewissheit bröckelt gerade, aus zwei Richtungen gleichzeitig. Franken, US-Zölle und schwache Weltkonjunktur drücken auf die Exportindustrie. Gleichzeitig übernimmt künstliche Intelligenz in Büros und zunehmend auch in Fabrikhallen Aufgaben, für die bisher Menschen gebraucht wurden. Für die Betroffenen ist es meist zweitrangig, welcher der beiden Gründe im Einzelfall überwiegt. Am Ende steht dieselbe E-Mail mit der Einladung zu einem Meeting, das man sich lieber erspart hätte.

Die Zahlen hinter der Verunsicherung

Im Mai 2026 waren 140’275 Personen bei einem RAV gemeldet. Die international vergleichbare ILO-Erwerbslosenquote, die auch Nicht-Gemeldete erfasst, lag im ersten Quartal 2026 bereits bei 5,2 Prozent, klar über dem Vorjahreswert von 4,7 Prozent. Wer nur auf die offizielle SECO-Quote schaut, sieht die kleinere Zahl.

Noch bedenklicher: 2025 waren fast 84’000 Menschen seit über zwölf Monaten arbeitslos, deutlich mehr als die rund 70’000 zwei Jahre zuvor. Wer einmal draussen ist, bleibt länger draussen. Das KOF-Institut rechnet für 2026 und 2027 mit einer Erwerbslosenquote, die bei rund 5 Prozent verharrt.

Wenn die Filiale schrumpft: KI erreicht Banken und Büros

Am deutlichsten zu greifen ist der KI-Effekt im Bankensektor. UBS-Chef Sergio Ermotti sprach im Juni offen darüber, dass sein Haus bereits rund 500 KI-Anwendungen im Einsatz hat und weitere 700 einführt, und dass die Technologie Jobs kosten wird. Der Zürcher Privatbankier Stephan Zwahlen erwartet deshalb eine weitere Konsolidierungswelle unter den Vermögensverwaltern. Die US-Grossbank Citigroup hat sogar prognostiziert, KI könnte im Bankensektor mehr Stellen kosten als in jeder anderen Branche.

Eine UBS-Umfrage bei rund 2500 Schweizer Firmen zeichnet ein vorsichtigeres Bild: KI ist in sechs von zehn Unternehmen im Einsatz, aber kaum systematisch genutzt, eher Evolution als Revolution. Trotzdem erwarten die Firmen gleichzeitig einen Beschäftigungsrückgang und höhere Anforderungen an die verbleibenden Mitarbeitenden.

Auch die Werkbank ist nicht mehr sicher

Lange galt: KI bedroht Bürojobs, die Werkhalle bleibt verschont. Diese Trennlinie verschwimmt. Die Industrie steckt ohnehin in dem, was Swissmem-Präsident Martin Hirzel eine «Super-Rezession» nennt, ausgelöst durch Franken und US-Zollpolitik. Laut KOF-Schätzungen waren zeitweise zwischen 7500 und 15’000 Vollzeitstellen in Maschinenbau, Präzisionsinstrumenten sowie der Uhren- und Nahrungsmittelindustrie gefährdet.

Eine EY-Umfrage zeigt: 89 Prozent der Befragten nutzen KI bereits im Berufsalltag, branchenübergreifend. 18 Prozent der Firmen rechnen konkret mit Stellenabbau durch KI, 42 Prozent können oder wollen dazu gar keine Einschätzung abgeben. Diese Unsicherheit ist selbst Teil des Problems.

Was vom Aufstiegsversprechen bleibt

Die brisante Erkenntnis ist nicht, dass ganze Berufe verschwinden. Es ist, dass sich die Arbeitswelt innerhalb der Berufe spaltet. Das KOF-Institut beschreibt eine zunehmende Polarisierung: Wer über digitale Zusatzkompetenzen verfügt, wird produktiver und gefragter. Wer sie nicht hat, fällt eher in schlechter bezahlte Tätigkeiten zurück.

Aussteuerung: Wenn älteren Mitarbeitern schlicht die Zeit ausgeht

Die Zahlen. Über 50-Jährige verlieren nicht häufiger den Job als Jüngere, sie finden nur viel schwerer wieder einen. Die Stellensuche dauert laut SECO rund anderthalbmal länger als im Durchschnitt. Bereits 2019 war fast jede vierte arbeitslose Person ab 50 seit über einem Jahr ohne Stelle, bei den Jüngeren nur jede zehnte. Im Mai 2026 waren 39’371 Personen zwischen 50 und 64 arbeitslos gemeldet, mit einer Quote von 2,7 Prozent, tiefer als der Durchschnitt, aber mit deutlich höherem Langzeitrisiko.

Das Sicherheitsnetz reicht nicht. Wer nach der Aussteuerung keinen Job findet, landet oft in der Sozialhilfe oder muss sich frühpensionieren lassen, mit spürbaren Rentenkürzungen. Seit 2021 gibt es zwar Überbrückungsleistungen für Ausgesteuerte ab 60, doch weniger als 10 Prozent der Betroffenen erhalten sie tatsächlich, weil die Vermögensgrenzen zu eng gefasst sind.

Verdrängen die Jungen die Alten wirklich? Hier überrascht die Forschung. Die Annahme, jüngere Digital Natives würden ältere Kollegen verdrängen, weil sie billiger sind und Informatik schon in der Schule gelernt haben, lässt sich so pauschal nicht belegen. Eine vielbeachtete US-Studie zeigt sogar das Gegenteil: In stark KI-exponierten Berufen wie Softwareentwicklung und Callcentern sank die Beschäftigung ausgerechnet bei den 22- bis 25-Jährigen, weil KI zuerst jene repetitiven Einstiegsaufgaben übernimmt, die klassischerweise Berufsanfängern zufallen. Erfahrung, die KI nicht ersetzt, schützt ältere Beschäftigte hier eher.

Was das eigentliche Risiko ist. Eine Studie der Universität Basel bestätigt zwar, dass ältere Stellensuchende sich in digitalen Kompetenzen unsicherer fühlen. Der Studienautor Laurent Gachnang relativiert aber: Es gehe weniger um Alter oder Intelligenz, sondern um fehlende frühere Zugänge zu Technologie, ein Bildungs-, kein Alterungsproblem. Das eigentliche Risiko für Ältere liegt also weniger darin, im laufenden Job von Jüngeren verdrängt zu werden. Es liegt darin, was passiert, sobald sie einmal draussen sind.

Kurzarbeit statt Zukunftsplan?

Die politische Antwort ist bislang vor allem: Zeit kaufen. Der Bundesrat hat Ende Mai 2026 die Höchstdauer für Kurzarbeitsentschädigung erneut verlängert, auf 24 statt der gesetzlichen 12 Monate. Ein eigentliches Konjunkturprogramm lehnt der Bund bewusst ab. KOF-Ökonom Michael Siegenthaler begründet das damit, solche Programme würden meist erst wirken, wenn die Schwächephase schon vorbei sei.

Zwei Wahrheiten gleichzeitig

Es stimmt, dass sich Frühindikatoren wie offene Stellen zuletzt leicht erholt haben. Es stimmt auch, dass Langzeitarbeitslosigkeit steigt und KI im Bankwesen bereits konkrete Stellen kostet, während fast die Hälfte der Firmen selbst nicht sagen kann, wohin die Reise geht. Der Wert der eigenen Arbeitskraft bemisst sich künftig weniger am gelernten Beruf als daran, ob und wie man bereit und fähig ist, ihn weiterzuentwickeln. Genau darauf hat der Schweizer Arbeitsmarkt bislang keine verbindliche Antwort.