Anthropic, Google und andere KI-Riesen setzen verstärkt auf Gesundheit und Medizin. Der Grund liegt nicht nur in wissenschaftlichen Fortschritten, sondern auch in einem Imageproblem.
Auch die Schweiz spielt mit. Novartis kooperiert mit dem Google-Spin-off Isomorphic Labs an einem der grössten KI-Biotech-Projekte.
Stromhunger der Rechenzentren wird gegen Gesundheitsforschung ausgespielt
Der wachsende Stromverbrauch neuer Rechenzentren steht seit Monaten in der Kritik, ebenso steigende Energiepreise und Widerstand in betroffenen Gemeinden. Diesem Bild setzen die KI-Konzerne gezielt ihre eigene Forschung für Gesundheit und Medizin entgegen.
Gesundheitsversprechen als gezielte Ablenkung vom Energiethema
Wer über Medikamente gegen unheilbare Krankheiten spricht, verschiebt die Debatte weg vom Energiethema, etwa hin zu möglichen Heilmitteln gegen Krebs oder Alzheimer. Genau diese Ablenkung versuchen derzeit mehrere Unternehmen, mit Anthropic als prominentestem Beispiel.
Anthropic sucht vor dem Börsengang eine neue Erzählung
Das Wall Street Journal berichtete diesen Monat, Anthropic wolle mit stärkerem Fokus auf Biologie und Medizin das Vertrauen von Investoren vor dem geplanten Börsengang stärken. CEO Dario Amodei schrieb auf X, sein Unternehmen mache in Biologie und Medizin rasche Fortschritte.
Anthropic ist nicht allein: Nvidia und Eli Lilly bauen in San Francisco ein Milliarden-Labor für KI-gestützte Medikamentenentwicklung auf. Der Zeitpunkt ist kein Zufall, mehrere KI-Labore bereiten Börsengänge vor und müssen hohe Kosten für Training und Rechenzentren rechtfertigen.
Novartis setzt in Basel auf KI-Wirkstoffsuche
Für die Schweiz ist die Kooperation von Isomorphic Labs mit Novartis der wichtigste Teil dieser Entwicklung. Das Google-Spin-off mit Sitz in London und Standort in Lausanne erhielt 2024 eine Vorauszahlung von 37,5 Millionen Dollar für die Suche nach niedermolekularen Wirkstoffen, 2025 weiteten beide Unternehmen die Zusammenarbeit aus.
Novartis-Forschungschefin Fiona Marshall lobte die Fähigkeit von Isomorphic Labs, mit KI chemische Räume zu erschliessen, die klassische Methoden nicht erreichen. Bei Erfolg winken bis zu 1,2 Milliarden Dollar an Meilensteinzahlungen. Ob daraus zugelassene Medikamente entstehen, ist offen.
Sicherheitsbedenken bremsen die Euphorie
Je leistungsfähiger KI-Modelle in der Biologie werden, desto grösser wird das Missbrauchsrisiko. Anthropic führte deshalb strenge Sicherheitsvorkehrungen für Claude Fable 5 ein, nachdem interne Tests einen möglichen Beitrag zu biologischen Waffen ergaben.
Kritiker sehen vor allem ein PR-Manöver
Nicht alle Beobachter sind überzeugt. Lloyd Price von der Beratung Nelson Advisors bezeichnet den Vorstoss gegenüber Axios als «hearts-and-minds play»: KI-Konzerne würden für ihren Ressourcenverbrauch kritisiert, könnten der Menschheit aber auch helfen. KI liefere zudem selten den entscheidenden Beitrag zu einem Medikament, sondern sei nur ein Akteur unter vielen in einem langwierigen Prozess.
Für die Schweiz bleibt vorerst die Novartis-Partnerschaft als konkretes Beispiel bestehen. Ob daraus mehr wird als ein weiteres Kapitel der KI-Heilsversprechen, zeigt sich frühestens in den nächsten Jahren.