Cory Doctorow tingelt durch Europa, hält Vorträge vor Führungskräften – zuletzt am Gottlieb-Duttweiler-Institut in Zürich – und erntet dafür Applaus und Gage.
Sein Rezept ist altbewährt: erst Weltuntergang prophezeien, dann beruhigen, und das Ganze mit einem Anstrich intellektueller Empörung versehen. Was dabei zu kurz kommt, sind Belege.
Die Jobfrage: Doctorow liegt schlicht falsch
Seine zentrale These, KI sei «schlicht zu unzuverlässig und zu teuer», um menschliche Jobs zu übernehmen, ist bereits von der Realität widerlegt worden. Allein Amazon führt 2025 rund 14.000 Stellenstreichungen explizit auf den Einsatz von KI zurück. TCS, Accenture und IBM folgen mit ähnlichen Begründungen. Auch Salesforce und Duolingo zählen zu den Unternehmen, bei denen KI-Projekte unmittelbar zu Personalabbau geführt haben. KI wirkt längst nicht mehr nur als Effizienzwerkzeug, sondern ersetzt konkrete Tätigkeiten – jetzt, nicht irgendwann.
Sieben von zehn Beschäftigten in Deutschland rechnen damit, dass Jobs wegen KI abgebaut werden. Das ist kein Hype, sondern eine nüchterne Einschätzung der Betroffenen selbst. Der PwC AI Jobs Barometer 2025, basierend auf einer Milliarde ausgewerteter Stellenanzeigen aus 24 Ländern, zeigt: In KI-geprägten Jobs steigen die Löhne doppelt so schnell – wer aber keine KI-Kompetenz mitbringt, gerät unter Druck.
Das Bild ist also differenzierter, als Doctorow es zeichnet. Eine McKinsey-Analyse aus 2024 prognostiziert, dass bis 2030 rund 30 Prozent der Arbeitsstunden in den USA und Europa durch KI automatisiert werden könnten. Dass gleichzeitig neue Stellen entstehen, stimmt – aber ob dieselben Menschen davon profitieren können, ist die entscheidende, von Doctorow weitgehend ignorierte Frage.
Das Wanderprediger-Muster
Doctorows Methode hat System: Er prophezeit den KI-Crash mit dramatischen Zahlen und beruhigt im selben Atemzug, KI werde uns als nützliche «Plug-ins» erhalten bleiben. Beides klingt wichtig, beides ist kaum falsifizierbar. Dass überbewertete Technologieunternehmen früher oder später eine Börsenkorrektur erleben, ist keine mutige These – das gilt für jede Spekulationswelle seit dem Tulpenwahn. Die Gretchenfrage, wie gross die Korrektur ausfällt und wen sie trifft, beantwortet er nicht.
Interessant ist dabei das Klarna-Beispiel, das Doctorow nicht erwähnt: Klarna ersetzte rund 700 Mitarbeiter durch KI – musste jedoch einräumen, dass dies zu schlechterer Qualität im Kundenservice geführt habe. Das klingt zunächst nach einer Bestätigung von Doctorows These. Ist es aber nicht: Klarna baut laut eigenem CEO dennoch weiter auf KI-Automatisierung. Der Rückzieher war taktischer Natur, kein grundsätzlicher Kurswechsel.
Überzeugung statt Argumentation
Doctorow «vermutet», «rechnet damit», «ist überzeugt» – das sind die Lieblingsformulierungen seiner Thesen. Belastbare Daten, Gegenargumente, Unsicherheiten? Fehlanzeige. Für ein Publikum, das intellektuelle Herausforderung erwartet, ist das zu wenig. Crash-Propheten gibt es genug. Wer den KI-Diskurs wirklich voranbringen will, müsste die unbequemen Widersprüche aushalten: dass KI gleichzeitig Jobs vernichtet und schafft, dass Qualitätsverluste real sind und trotzdem nicht aufhalten, was kommt – und dass die sozialen Folgen dieser Disruption politische Antworten verlangen, nicht Vortragsreisen.
Doctorows eigentliches Geschäftsmodell funktioniert offenbar bestens. Solange das so bleibt, wird er weiter tingeln.
Antwort zu TA13.04.2026 – «Die meisten Chefs können es kaum erwarten, ihre Angestellten durch KI zu ersetzen»