Bei neuen KI-Rechenzentren gehört das Versprechen erneuerbarer Energie fast immer zum Verkaufsargument. Ein aktueller Fall aus Schottland zeigt, wie wenig davon übrig bleibt, wenn man die Zahlen nachrechnet. Er zeigt auch, warum unabhängige Kontrolle bei solchen Projekten unverzichtbar ist.
Denn das Versprechen, ausschliesslich mit erneuerbarer Energie betrieben zu werden, hält einer genaueren Prüfung oft nicht stand. Im vorliegenden Fall wurde es zudem im Nachhinein leise abgeschwächt, nachdem interne Regierungsdokumente ans Licht kamen.
Das Versprechen von Lanarkshire
Im Januar 2026 kürte die britische Regierung Lanarkshire zur ersten «AI Growth Zone» Schottlands. Das Gebiet wurde als ideale Region für ein solches Projekt positioniert, weil dort reichlich erneuerbare Energie verfügbar sei. Getragen wird das Projekt vom US-Unternehmen CoreWeave und dem schottischen Betreiber DataVita. Geplant sind 100 Megawatt KI-taugliche Rechenzentrumskapazität sowie über 1 Gigawatt erneuerbare Energieinfrastruktur, angebunden über eine private Stromleitung. Um den Status als Wachstumszone zu erhalten, mussten die Betreiber einen realistischen Plan zur Energieversorgung vorlegen und versprachen, ausschliesslich lokal erzeugte erneuerbare Energie zu nutzen.
DataVita gibt an, das Rechenzentrum solle mit mehr als 1 Gigawatt erneuerbarer Energie versorgt werden, darunter 400 Megawatt Solarenergie und 800 Megawatt Windenergie. Zum Vergleich: Das wäre mehr als das Eineinhalbfache dessen, was Whitelee, der grösste Onshore-Windpark Grossbritanniens, überhaupt erzeugt.
Die Fläche fehlt schlicht
Um diese Strommenge zu produzieren, wären je nach Technik schätzungsweise 40 bis 100 Quadratkilometer Land nötig. Die bisher eingereichten Baugesuche von DataVita decken davon nur einen Bruchteil ab: rund 2 Quadratkilometer in Lanarkshire. Selbst die grosszügigere Eigendarstellung des Unternehmens ändert daran wenig: DataVita spricht auf seiner Website von «mehr als 1000 Acres» an Erzeugungsanlagen, was etwa 4 Quadratkilometern entspricht.
Auch die konkreten Baupläne der Muttergesellschaft HFD Group bleiben weit hinter den Ankündigungen zurück. Vorgesehen sind bis zu neunzehn Windräder, was nur rund fünf Prozent dessen liefern würde, was DataVita zu produzieren verspricht. Eine Energieberaterin, die die Zahlen für den Guardian prüfte, brachte es auf den Punkt: Von «öffentlich nichts vorhanden» zum grössten Onshore-Windpark des Landes innerhalb von vier Jahren zu kommen, sei ziemlich ambitioniert.
Regierung wusste Bescheid, Versprechen wurde leiser
Das Problem war offenbar kein Geheimnis. Aus internem Schriftverkehr, den der Guardian einsehen konnte, geht hervor, dass Regierung und Projektentwickler bereits diskutiert hatten, den Standort notfalls mit eigenen Gaskraftwerken zu versorgen. Auf Nachfrage des Guardian ruderte die Regierung zusätzlich zurück: Man wolle den Komplex nun ans reguläre Stromnetz anschliessen. Für einen solchen Anschluss beträgt die Wartezeit in Grossbritannien derzeit rund zehn Jahre, unabhängig davon, ob eine Klinik oder eine Privatperson den Antrag stellt. Ob das Rechenzentrum also erst nach dieser Frist in Betrieb geht oder beim Netzanschluss bevorzugt behandelt wird, liess die Regierung offen. Aus dem ursprünglichen Versprechen, ausschliesslich mit Erneuerbaren zu arbeiten, wurde inzwischen die vagere Formulierung, der Standort solle «zu einem überwiegenden Anteil» erneuerbar versorgt werden.
Kein Einzelfall
Der Fall Lanarkshire ist relevant, weil er kein Einzelfall bleiben dürfte. Grossbritannien hat inzwischen mehrere «AI Growth Zones» ausgerufen, und praktisch jedes Projekt wirbt mit ähnlichen Nachhaltigkeitsversprechen. Die Direktorin der Organisation Action to Protect Rural Scotland warnte, eine ganze Welle solcher Bewilligungsgesuche für hyperskalierte KI-Rechenzentren komme nach Schottland, und alle würden mit erneuerbarer Energie werben, ohne dass Flächen- und Kapazitätsrechnungen systematisch geprüft würden.
Für Behörden, Investoren und Anwohner bedeutet das: Ankündigungen zu Gigawatt-Zahlen und «Energieparks» lassen sich nicht allein aus Pressemitteilungen verifizieren. Es braucht eine Gegenrechnung anhand von Flächenbedarf, Baugesuchen und tatsächlichen Netzanschlüssen, bevor solche Versprechen politisch honoriert werden. Genau hier setzt unabhängige Kontrolle an: Sie deckt die Lücke zwischen Marketing und physikalischer Realität auf, bevor Milliardenprojekte gebaut sind, deren Strom am Ende doch aus fossilen Quellen kommt.
Siehe zum Thema auch:
Heise 02.07.2026 – KI-Rechenzentren: Tech-Lobby drängt EU zur Aufweichung von Klimaregeln