Krise in der Swiss-Kabine

Blick 30.07.2018

Service-Chaos wegen neuer Billig-Tickets soll Sicherheit gefährden

GENF-COINTRIN – Der neue Light-Tarif ab Genf, bei dem kein Snack mehr verteilt wird, macht die Arbeit für die Flight Attendants nicht nur komplizierter, sondern birgt sogar Gefahren. So stehts in einem internen Warnbrief, der BLICK vorliegt.

«Saveurs», französischer Ausdruck für «Geschmäcker», nennt die Swiss ihr Null-Service-Experiment in Genf schönfärberisch. Seit Anfang Juni fliegt dort noch billiger, wer kein Gepäck aufgibt und auf den Snack während dem Flug verzichtet (BLICK berichtete). Stattdessen gibt es eine Speisekarte mit Bezahlprodukten aus dem Edelwarenhaus Globus. Das Schinken-Käse-Sandwich kostet acht Franken, die kleine Dose Quöllfrisch-Bier vier Franken. Den normalen Tarif mit Snack und Gepäckaufgabe und den Flexpreis, der alle Freiheiten lässt, kann der Passagier immer noch anwählen.

Den Passagieren scheint die Tarifvielfalt gut zu schmecken. Das sagen nicht nur die Swiss-Sprecher, sondern auch ihre Flight Attendants. Doch für diese hat die Neuerung einen bitteren Beigeschmack. BLICK liegt ein Brief von Kapers, der Gewerkschaft des Kabinenpersonals, an ihre Mitglieder vor: «Während die Qualität der Produkte bei den Passagieren gut ankommt, steht die Qualität der Serviceprozesse auf einem ganz anderen Blatt», steht dort. «Wir wurden von einer Flut von Rapporten unserer Genfer Kolleginnen und Kollegen überschwemmt.»

«Entnervt und ausgebrannt»

Hauptvorwürfe: Das System, das den Flugbegleitern anzeigen sollte, ob die jeweiligen Passagiere zu einem normalen oder einem Null-Service-Tarif gebucht haben, hat ständig technische Störungen. Die Verpflegungswägeli seien so vollgestopft, dass eine saubere Übergabe kaum möglich sei. Und die gesetzlich vorgeschriebene Pause, um selber etwas zu essen und zu trinken, sei wegen des Stresses nicht einzuhalten.

«Die Kabinencrew landet entnervt und ausgebrannt. Das tangiert auch die Sicherheit, was nicht akzeptabel ist», heisst es im Brief weiter. Und nicht nur das: Die neuen Serviceprozesse dauerten so lange, dass das Personal während sicherheitskritischer Flugabschnitte noch immer mit ihnen beschäftigt sei. «Wir haben mehrere Rapporte, in denen Kommandos nicht gehört wurden.»

Die Swiss verteidigt sich auf Anfrage, sie sei mit der Einführung zufrieden. «Wie bei Veränderungsprojekten dieser Art jedoch üblich, brauchen neue Prozesse eine gewisse Zeit, bis sie sich richtig etabliert haben. Daran arbeiten wir intensiv und nehmen kontinuierlich dafür erforderliche Anpassungen vor.»

Das meint BLICK

Traum und Albtraum

Kommentar von BLICK-Wirtschaftsredaktor Konrad Staehelin

Der damalige Bundesrat Moritz Leuenberger (71, SP) nannte die Strategie der Swiss «vorne Champagner, hinten Durst», als sie 2003 den Staub des Groundings abschüttelte und das Schweizerkreuz wieder in die Welt hinaustrug. Von der «fliegenden Bank» Swissair war man sich eher «vorne Champagner, hinten immerhin noch Sekt» gewohnt gewesen.

Das war zu Beginn der neuen Luftfahrt-Welt, die viel von ihrem Charme verloren, aber auch das Elitäre abgelegt hat. Heute fliegt die Mittelstandsfamilie in die Ferien ans Meer, die Studentin übers Wochenende nach London.

Fast jeder kann sich das Billett leisten – ein demokratischer Traum. Das ist die eine Seite der Medaille.

Die andere ist, dass wir den Planeten zerstören. Mit Betonung auf wir. Nur die Norweger fliegen noch mehr als die Schweizer. Ein ökologischer Albtraum.

Die tiefen Preise kann man der Swiss nicht vorwerfen. Sie will bloss nicht wie die Swissair enden. In der Verantwortung stehen wir: als Konsumenten, die statt dem Flieger den Zug nehmen können. Und als Souverän, der den Politikern Beine machen kann, die Luftfahrt stärker zu besteuern.