Der Untersuchungsbericht zur Maisano-Affäre am Universitätsspital Zürich belegt: 75 fragliche Todesfälle, eine statistische Übermortalität von 68 bis 74 Patienten, Strafanzeigen wegen fahrlässiger Tötung.
Die Zürcher Politik, die 2021 noch die Medien rügte statt den Missständen nachzugehen, will nun alles richtig gemacht haben. Eine Analyse des politischen Versagens.
Politisches Versagen mit Ansage
Der Untersuchungsbericht zur Maisano-Affäre am Universitätsspital Zürich belegt schwarz auf weiss, was lange bestritten wurde: Unter Herzchirurg Francesco Maisano starben zwischen 2014 und 2020 statistisch 68 bis 74 Patienten mehr als an vergleichbaren Schweizer Kliniken. 75 Todesfälle gelten als fraglich, Strafanzeigen wegen fahrlässiger Tötung sind eingereicht. Doch statt Verantwortung zu übernehmen, übt sich die Zürcher Politik in Selbstschutz.
Wer gehofft hatte, die zuständigen Parlamentarierinnen und Parlamentarier würden angesichts der nun bekannten Fakten zumindest Bescheidenheit zeigen, wird enttäuscht sein. Stattdessen viel Selbstbeweihräucherung, Ausweichmanöver und eine bemerkenswerte Portion Unverschämtheit.
Die Subkommission als Schutzschild
Als 2021 die Aufsichtskommission Bildung und Gesundheit (ABG) ihren Bericht zur Affäre vorlegte, rügte sie nicht das Spital, nicht den Klinikleiter – sondern die Medien. Eine «mediale Hetzjagd» sei gegen Maisano geführt worden, hielt man damals fest. Parteien von SVP bis Grüne unterschrieben eine gemeinsame Fraktionserklärung, die den Journalismus geisselte. Journalist:innen seien «sitzend» über das Ziel hinausgeschossen. Heute wissen wir: Die Medien hatten recht. Die Subkommission lag falsch.
Wie reagiert nun die damalige Subkommissionspräsidentin Arianne Moser (FDP)? Sie sieht sich «bestätigt». Korrekt sei alles gelaufen, die Medienschelte hält sie aufrecht – gestützt auf einen einzelnen Satz aus dem Bericht, der die Berichterstattung als übertrieben bezeichnet. Dass in eben diesem Bericht 11 Todesfälle als «nicht erwartbar» und 64 als «eher nicht zu erwartend» eingestuft werden, stört ihre Selbstwahrnehmung offenbar nicht.
Fehr räumt ein – aber nur ein bisschen
ABG-Präsidentin Raffaela Fehr (FDP) gibt immerhin zu, dass die Medienschelte «im Nachhinein ein Fehler» war. Das klingt nach Einsicht. Doch dann kommt das Aber: Es habe «viel medialen Wirbel» gegeben, was einer ruhigen Aufarbeitung nicht geholfen habe. Mit anderen Worten: Die Medien sind schuld, dass man die Medien zu Unrecht kritisiert hat.
Fehrs Erklärung, warum die Subkommission die medizinischen Verfehlungen nicht aufgedeckt hat, ist, dass dies «ausserhalb der Möglichkeiten einer Kommission» liege. Das mag zwar formal stimmen, aber dann hätte man 2021 auch keine Entwarnung geben dürfen. Stattdessen erweckte die Subkommission den Eindruck, die Affäre sei aufgearbeitet und die Vorwürfe seien masslos übertrieben. Das USZ behauptete jahrelang, es seien keine Patienten zu Schaden gekommen. Die parlamentarische Aufsicht hat diese Beruhigungspille geschluckt – und sie fleissig weiterverbreitet.
Politische Versäumnisse schönreden
Mehrere Kantonsräte beklagen nun, dass die Strafverfolgung «nicht früher gehandelt» habe. Lorenz Habicher (SVP) spricht gar von «Ernüchterung» ob der Untätigkeit der Justiz.
Bereits 2021 gab die Subkommission der Staatsanwaltschaft Hinweise auf möglicherweise strafbares Verhalten. Passiert ist aber nichts. Jahrelang. Und jetzt, wo der Untersuchungsbericht den Skandal schwarz auf weiss dokumentiert, soll die Justiz plötzlich nachholen, was sie trotz politischer Hinweise jahrelang versäumt hat. Dies wird zwar zu Recht gefordert, aber die Frage bleibt: Warum hat die Politik nicht schon früher konsequent bei der Justiz nachgehakt? Wo kein Kläger ist, ist bekanntlich auch kein Richter.
Der eigentliche Skandal
Maisano wurde 2014 trotz fehlender akademischer Qualifikationen und ohne Erfahrung in der Führung einer Herzchirurgie-Klinik – und ohne vollständige Überprüfung seiner Interessenbindungen – zum Klinikleiter ernannt. Der Spitalrat und die Spitaldirektion versagten beide. Die parlamentarische Aufsicht kritisierte 2021 statt der Missstände vor allem die Medien, die darauf hingewiesen hatten.
Nun, wo der Untersuchungsbericht Schwarz auf Weiss belegt, was kritische Journalisten schon lange geschrieben haben, versucht die Politik das Narrativ umzudrehen: Man habe im Rahmen des Möglichen gehandelt, die Empfehlungen seien richtig gewesen, die Medien seien trotzdem schuld gewesen.
75 fragliche Todesfälle fordern mehr als das. Sie fordern Rechenschaft – und nicht das nächste Ablenkungsmanöver.