Francesco Maisano, ehemaliger Chef der Herzchirurgie am Universitätsspital Zürich USZ, steht im Zentrum einer der schwerwiegendsten Medizinskandale der Schweiz. Rund 200 statistisch nicht erklärbare Todesfälle, ein Implantat das nie funktionierte, und ein Netzwerk das weitermacht – als wäre nichts gewesen.
Dieser Artikel beleuchtet den Cardioband-Skandal am USZ, die Rolle von Maisano und seinen Vertrauten, und fragt: Was bringt der heute erwartete Schlussbericht von Ex-Bundesrichter Oberholzer?
Francesco Maisano ist ein italienischer Herzchirurg, der 2010 ans Universitätsspital Zürich berufen wurde, um die dortige Herzchirurgie auszubauen. Er pflegte ein breites internationales Netzwerk in der Medizinbranche und war massgeblich an der Entwicklung des Cardiobands beteiligt – einem Herzimplantat, das später vom Markt genommen wurde. Investoren, Spitalleitungen und Teile der Fachschaft schenkten ihm lange blind ihr Vertrauen. Dieses Vertrauen wurde missbraucht.
Der Cardioband-Skandal: Viel Geld, viele Tote, kein funktionierendes Produkt
Im Zentrum der Affäre steht das Cardioband – ein Implantat zur minimalinvasiven Reparatur der Mitralklappe, an dessen Entwicklung Maisano massgeblich beteiligt war. Die Technologie klang revolutionär: Schraubenartige Anker sollten das Band direkt im Herzmuskelgewebe fixieren und so eine undichte Herzklappe korrigieren.
Das Problem: Es funktionierte nie. Nicht einmal in Tierversuchen wurde der Beweis erbracht, dass die Anker den enormen Druckkräften des Herzens standhalten könnten. Der Herzchirurg Thierry Carrel, der das USZ nach Maisanos Abgang mitwiederaufbaute, ist unmissverständlich: Die Schrauben im weichen Herzmuskelgewebe konnten biomechanisch schlicht nicht halten – dies hätte in seriösen präklinischen Tests erkannt werden müssen.
Trotzdem wurde das Cardioband an lebenden Patienten erprobt. Das Ergebnis: rund 200 statistisch nicht erklärbare Todesfälle. Risikoadjustierte Vergleiche mit anderen Kliniken zeigen, dass diese Patienten in einem anderen Spital mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gestorben wären. Junge, unerfahrene Chirurgen operierten teils ohne ausreichende Aufsicht, erfahrene Backup-Chirurgen waren systematisch nicht erreichbar. Das war kein Einzelversagen – es war systemisch.
Die Firma hinter dem Cardioband – Valtech Cardio – wurde im Jahr 2017 im Rahmen eines sogenannten „Trade Sale“ an den US-Medizintechnikkonzern Edwards Lifesciences für rund 700 Millionen Dollar verkauft. Das Produkt gelangte nie in die breite klinische Anwendung, die Zertifizierung wurde schliesslich entzogen. Maisano verliess das USZ im Sommer 2020 nach einer externen Untersuchung – ohne strafrechtliche Konsequenzen.
Simulands: Neues Startup, altes Netzwerk
Das Startup Simulands schafft es in die Hochglanz-Rubrik der «Bilanz» – als leuchtendes Beispiel für Innovation und Unternehmergeist. Ein zweiter Blick lohnt sich.
Simulands ist kein unbeschriebenes Blatt. Die Trainingsfirma für Herzchirurgen ist die direkte Fortsetzung eines Netzwerks aus der Maisano-Ära. Die zentrale operative Figur: Andrea Guidotti – langjähriger Vertrauter Maisanos, der bereits während der Cardioband-Ära an dessen Seite stand.
2019 präsentierte Maisano die Simulands-Produkte unter eigenem Namen in Israel. Nach seinem Abgang wanderte die Firma nach Mailand – genau dorthin, wo Maisano neu tätig wurde. 2023 kehrte sie in die Schweiz zurück, Guidotti übernahm erneut die Geschäftsführung. Rund 10 Millionen Franken wurden eingesammelt. Wesentliche Teile der zugrunde liegenden Technologie stammen aus einer Zusammenarbeit mit der ETH Zürich – also aus öffentlich finanzierter Forschung. Wie dieses Know-how in private Strukturen überführt wurde, bleibt ungeklärt.
Maisano praktiziert und kassiert inzwischen in Mailand weiter – unbehelligt mit seinen Millionen im Trockenen.