Nun gilt es ernst: Flughafen Zürich will Pisten verlängern

TA 03.06.2021

Der Regierungsrat spricht sich für das Bauprojekt aus. Jetzt beginnt die politische Debatte – sie dürfte heftig werden.

Die Pistenverlängerungen waren bisher wie eine dunkle Wolke am Horizont: Drohend, aber noch weit weg. Jedenfalls für die Anwohner im Norden und Osten des Flughafens. Ganz anders für den Flughafen selbst, aber auch für den Regierungsrat und die Anwohner im Süden: Für sie waren die Pläne eher eine Verheissung, ein Silberstreif.

Doch diese Zeiten sind vorbei, jetzt gilt es ernst. Der Regierungsrat hat sich für die Verlängerung der Pisten 28 nach Westen und 32 nach Norden ausgesprochen. Das hat er am Donnerstagmorgen bekannt gegeben. Damit wird das Bauprojekt, das schon seit Jahren diskutiert wird, plötzlich konkret.

Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten dazu.

Warum sollen die Pisten verlängert werden?

Hauptargument für das Bauprojekt sind die Flugsicherheit und die Stabilität des Flugplans.

Piste 28 wird ab 21 Uhr für Landungen von Osten her genutzt, sie ist aber mit 2500 Metern vor allem bei Nässe zu kurz für die ganz grossen Maschinen. Diese weichen dann auf den Südanflug aus – was ein umständliches Prozedere ist und regelmässig zu Verspätungen führt. Piste 28 soll deshalb um 400 Meter verlängert werden.

Piste 32 soll von 3300 auf 3580 Meter verlängert werden. Hier geht es um die Nordstarts. Aktuell müssen grosse Maschinen für Nordstarts Piste 34 benutzen. Doch diese kreuzt sich mit der Piste 28, die ab 21 Uhr und bei Westwind als Landepiste benutzt wird. Um das Risiko von Kollisionen zu verringern, muss der Flughafen Starts und Landungen staffeln – die Folge sind Verspätungen.

Mehr als einmal kam es am Flughafen Zürich bereits zu Beinahekollisionen. Im Jahr 2011 beispielsweise starteten gleichzeitig zwei Flugzeuge auf Piste 16 und 28. Einer der Piloten konnte glücklicherweise rechtzeitig abbremsen. Im Jahr 2002 kam es fast zu einem Crash zwischen einer auf Piste 16 landenden und einer auf Piste 28 startenden Maschine.

Im August 2003 kamen sich zwei Flieger in der Luft gefährlich nahe. Die eine Maschine war eben auf der Piste 16 gestartet und flog danach wie vorgeschrieben eine Linkskurve. Gleichzeitig musste eine auf Piste 14 landende Maschine durchstarten. Das Problem: Start- und Durchstartroute kreuzen sich.

Vorfälle wie diese führten zu einer Sicherheitsüberprüfung des Flugbetriebs durch das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl). Dieses empfahl unter anderem, Kreuzungen am Boden und in der Luft wo immer möglich zu verhindern.

Die Pistenverlängerungen sind eine Folge dieses Berichts. Allerdings: Die beiden Vorfälle von 2011 und 2002 hätten auch mit den verlängerten Pisten passieren können.

Die heikle Linkskurve nach dem Südstart wird hingegen weitgehend beibehalten – aus Rücksicht auf die Anwohner. (leu)

Wann wird gebaut?

Das dauert noch mindestens zehn Jahre. Denn das Projekt, das Flughafen-Chef Stefan Widrig als «kleine Optimierungen» bezeichnet, ist komplex. Einerseits bautechnisch: In Rümlang müssen die Glatt und die Kantonsstrasse verlegt werden, um Platz für die Verlängerung zu machen.

Anderseits ist mit massivem politischem Widerstand zu rechnen. Und mit ziemlicher Sicherheit werden von Seiten der Anwohnerverbände Beschwerden eingereicht und durch alle gerichtlichen Instanzen gezogen.

Was kostet das Projekt und wer bezahlt es?

Flughafen und Regierungsrat rechnen mit Baukosten von rund 250 Millionen Franken. Bezahlt werden die Pistenverlängerungen vollständig vom Flughafen.

Flughafen-Chef Stefan Widrig ist trotz der corona-bedingte schwierigen Lage überzeugt, dass der Flughafen die Investition tragen kann. Zudem seien die Pistenverlängerungen ein langfristiges Projekt. Es gehe darum, den Flughafen für die nächste Generation fit zu machen. Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP) sagte, das Projekt komme zum richtigen Zeitpunkt: «Sicherheit ist nicht aufschiebbar.»

Widrig ergänzte, Sicherheit und Verlässlichkeit seien das wichtigste Gut eines Flughafens – nicht nur für die Passagiere, sondern auch für die Bevölkerung. «Insgesamt wird es dank der Pistenverlängerungen weniger Lärmbetroffene im Kanton Zürich geben», sagt Widrig. Das vor allem, weil abends weniger Anflüge über den Süden umgeleitet werden müssen. Denn der Süden ist dichter besiedelt als der Osten.

Warum muss der Regierungsrat das Projekt bewilligen?

Der Kanton Zürich ist von Gesetzes wegen mit einem Regierungsmitglied und zwei Delgierten im Flughafen-Verwaltungsrat vertreten. Aktuell sind das neben Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP) Rechtsanwältin Eveline Saupper und Unternehmer Vincent Albers. Beschlüsse, welche die Lage und Länge der Pisten betreffen, darf der Verwaltungsrat nur mit ihrer Zustimmung fällen, so verlangt es das Flughafengesetz. Man nennt das «Sperrminorität».

Allerdings kann die Dreier-Vertretung des Kantons nicht frei entscheiden, sie ist an den Beschluss des Regierungsrats gebunden.

Welche Rolle spielen Kantonsrat und Stimmbürger?

Der Regierungsrat muss den Beschluss über die Pistenverlängerung dem Kantonsrat vorlegen. Dort dürfte die Debatte ein erstes Mal heiss werden, und es ist keineswegs sicher, dass der Kantonsrat Ja sagt. Im Gegenteil, ein Nein ist ziemlich wahrscheinlich. Schon 2009 und 2014 lehnte der Kantonsrat die Ausbauten ab – und damals war er noch in bürgerlicher Hand. Aber beide Male hatten sich SVP- und FDP-Vertreter aus den Bezirken Bülach und Dielsdorf dem links-grünen Nein-Lager angeschlossen.

Allerdings hat auch der Kantonsrat nicht das letzte Wort. Denn egal, ob er Ja oder Nein sagt, der Beschluss untersteht dem fakultativen Referendum. Das ist ein Unikum, das sich nur im Flughafengesetz findet: Normalerweise ist gegen ein Nein des Parlaments kein Referendum möglich.

Warum sind die Anwohnerverbände unterschiedlicher Meinung?

Die Anwohnerverbände im Norden und Osten befürchten, dass die Pistenverlängerungen mehr Flüge ermöglichen und damit auch mehr Lärm bringen. Und sie stören sich daran, dass mit dem Argument der Flugsicherheit Pisten ausgebaut werden sollen – gleichzeitig aber die ebenfalls heikle Linkskurve nach Südstarts beibehalten wird, um die Anwohner im Süden vor dem Lärm zu schützen.

In der Südanflugschneise erhofft man sich von der Pistenverlängerung vor allem am Abend mehr Ruhe. Können alle Maschinen auf Piste 28 landen, fallen die abendlichen Südanflüge weg.