Sauberes Fliegen: Eine neue Flugticket-Abgabe soll den Durchbruch ermöglichen

NZZ 07.09.2019

Das Geld soll für die Entwicklung von sauberem Kerosin eingesetzt werden. Flughafen und Swiss reagieren positiv.

Es ist ein neuer Ansatz: Im Flugzeug zu reisen, soll teurer werden. Der Aufschlag wäre aber gering. Und das Geld soll nicht an die Bevölkerung zurückfliessen, wie das bei Lenkungsabgaben vorgesehen ist. Die gewonnenen Mittel würden ganz für die Entwicklung von sogenannt synthetischem Kerosin verwendet. Es verursacht zwar Schadstoffe bei der Verbrennung im Flugbetrieb, hingegen wäre es umweltschonend bei der Herstellung, weil dabei kein Erdöl eingesetzt wird.

Ausgearbeitet haben den Vorschlag Anthony Patt, Martin Bäumle und Peter Metzinger. Patt ist Professor an der ETH Zürich und hat sich am Departement für Umweltsystemwissenschaften auf das Gebiet der Klimapolitik spezialisiert. Martin Bäumle ist Chemiker und grünliberaler Nationalrat. Peter Metzinger ist Physiker und FDP-Gemeinderat in Dietikon im Kanton Zürich. «In der Umweltpolitik fehlt es oft an Fakten», kritisiert Metzinger.

Die drei haben darum viele Berechnungen angestellt. Und sie sind zum Schluss gekommen, dass die Abgabe für die Entwicklung von synthetischem Kerosin tief angesetzt werden könnte: 70 Franken für einen Flug von Zürich nach New York und zurück würden in einer ersten Stufe genügen, bei Flügen innerhalb Europas wären die Aufschläge noch wesentlich tiefer.

Das Verfahren für die Gewinnung von synthetischem Kerosin ist bekannt: CO2 wird aus der Luft abgesaugt, man spaltet Wasser und bringt den Wasserstoff in eine Reaktion mit Kohlendioxid. Dafür ist viel Strom erforderlich. Die Produktion von synthetischem Treibstoff ist darum drei- bis viermal teurer als die Herstellung von Kerosin mit Erdöl.

Vorgesehen ist der Bau grosser Solaranlagen, mit denen der Strom gewonnen werden soll. Die Produktion des synthetischen Treibstoffes sollte darum in Ländern geschehen, in denen die Sonne mehr scheint als in der Schweiz. In der Nähe von Madrid ist unlängst ein Betrieb eröffnet worden, in dem mit Sonnenenergie, Wasser und Kohlendioxid synthetisches Kerosin hergestellt wird.

Gegen Ausweichverkehr

Martin Bäumle und seine Mitstreiter erwarten, dass die Kosten für die Produktion des Treibstoffes sinken werden. Werde Geld für die Weiterentwicklung der neuen Technologie aufgewendet, sei mit Fortschritten zu rechnen. Mit der grösseren Effizienz sinke der Aufwand. Ausserdem gehen die Kosten für die Gewinnung von Solarstrom zurück.

Der synthetische Treibstoff kann dem herkömmlichen Kerosin beigemischt werden. Zunächst wäre der Anteil tief, wenige Prozent, dann würde er schrittweise erhöht. Bis 2050 soll das synthetische Kerosin den Treibstoff, der mit Erdöl produziert wird, ganz ersetzt haben.

Die drei Initianten halten ihren Vorschlag für besser als eine Lenkungsabgabe, weil er sofort Investitionen in eine umweltschonende Produktion auslösen würde. «Eine Lenkungsabgabe müsste im Übrigen sehr hoch angesetzt werden, damit die Menschen weniger fliegen», sagt Nationalrat Bäumle. Es sei auch zu befürchten, dass die Bewohner des Landes auf ausländische Flughäfen in Grenznähe ausweichen würden.

Weil für die Gewinnung von synthetischem Treibstoff grosse Industrieanlagen nötig sind, müssten internationale Projekte vorangetrieben werden. Hier liegt möglicherweise ein Haken. Es braucht lange und aufwendige Vorarbeiten.

Die Reaktionen der Luftfahrtbetriebe fallen überraschend positiv aus. Philipp Bircher, Sprecher des Flughafens Zürich, erklärt: «Wir sind überzeugt, dass die Schweiz in ihrer internationalen Anbindung wettbewerbsfähig bleiben muss und deshalb nationale Alleingänge nicht zielführend sind.»

Der Flughafen Zürich unterstütze aber eine moderate nationale Abgabe der Luftfahrt, wenn diese auch effektiv der Reduktion von CO2 in der Luftfahrt an der Quelle diene. «Ebenso teilen wir die Ansicht, dass mittelfristig synthetische Kraftstoffe das realistischste und deshalb zielführendste Mittel sind, damit die Luftfahrt schrittweise CO2-neutral wird. In diesem Sinne ist der erwähnte Vorschlag zu begrüssen», meint Bircher.

Kooperation über Grenzen

Auch die Fluggesellschaft Swiss reagiert wohlwollend: «Sollte es zu einer Flugticketabgabe in der Schweiz kommen, so sind wir der Meinung, dass die Gelder in die Förderung von synthetischen Treibstoffen fliessen sollten. Das ist unseres Erachtens die einzige Option, die in Zukunft das Fliegen klimaneutral machen könnte», sagt Sprecherin Karin Müller. Aus Sicht der Swiss seien eher globale Initiativen – oder zumindest europäische – anzustreben als nationale Alleingänge.

FDP-Ständerat Ruedi Noser hält fest, die Mittel aus der Lenkungsabgabe, welche nicht an die Bevölkerung rückverteilt würden, sollten für die Förderung von innovativen Technologien zugunsten der CO2-Reduktion eingesetzt werden. Synthetisches Kerosin könne eine der geförderten Technologien sein und sei ein spannendes Projekt, um den Flugverkehr langfristig CO2-neutral zu gestalten.

Martin Bäumle will nun aber dafür sorgen, dass der Nationalrat auf eine andere Linie einschwenkt als der Ständerat: synthetisches Kerosin fördern, ohne Lenkungsabgabe.