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Swiss braucht bald neue Staatshilfe

TA 17.10.2020

Die Hoffnungen auf schnelle Erholung haben sich zerschlagen. Bei der Swiss rechnet man damit, dass Ende Jahr wieder eine Finanzspritze nötig ist.

Pandemiebedingte drastische Umsatzeinbussen, fehlende Passagiere, Tausende Flugzeuge am Boden, Stellenabbau und Kurzarbeit: Die Luftfahrtbranche kämpft ums Überleben. Nach Angaben des Weltverbandes Iata wird die Branche in der zweiten Jahreshälfte bis zu 77 Milliarden US-Dollar Bargeld verlieren. Das sind 13 Milliarden Dollar pro Monat oder 300’000 Dollar pro Minute.

Die Swiss verbrennt nach eigenen Angaben 1,5 Millionen Franken am Tag. Hochgerechnet auf ein Jahr sind das mehr als 500 Millionen Franken. Die Muttergesellschaft, die Lufthansa-Gruppe, verliert pro Monat eine halbe Milliarde Euro. Anfang Monat meldete die deutsche Lufthansa Auszahlungen von 3,2 Milliarden Euro für Ticketrückerstattungen an 7,3 Millionen Kunden. Weitere 300 Millionen Euro stehen noch aus.

Hoffnung auf schnelle Erholung hat sich zerschlagen

Die 1,5 Milliarden Franken Staatshilfe an die Swiss und ihre Schwester Edelweiss sowie die 9 Milliarden Euro an die Lufthansa zerrinnen den Managern zwischen den Fingern. Denn der Plan, auf dem die Notkredite fussten, sah vor, den Flugbetrieb im Sommer langsam hochzufahren und im Herbst einen guten Teil der Langstreckenflüge wieder in Betrieb zu nehmen.

Doch wegen der steigenden Corona-Fallzahlen, der zunehmenden Reisewarnungen, der immer neuen Quarantäneregelungen und Reiseeinschränkungen geschah das Gegenteil. Seit Ende Juli nimmt die Zahl der Swiss-Flüge wieder ab, Langstreckenpassagiere müssen ab dem Winter einen Umweg über Frankfurt oder München fliegen. Damit sind die Annahmen, auf denen die staatliche Hilfe beruht, Makulatur geworden.

Der Bund rechnet mit einer neuen Geldspritze

Bei dem anhaltenden Bargeld-Abfluss werden neue Finanzhilfen für Lufthansa und Swiss zunehmend wahrscheinlicher. Bei der Swiss zeigt man sich zwar nach aussen hin gelassen. Der zu 85 Prozent vom Bund abgesicherte 1,5-Milliarden-Kredit eines Bankenkonsortiums für Swiss und Edelweiss sei für die «kommenden Krisenjahre ausreichend», betont Sprecherin Karin Müller. Die erste Tranche sei «in diesem Monat gezogen worden». Über die Höhe macht das Unternehmen keine Angaben.

Erst wenn die Quarantäneregel zugunsten von Schnelltests abgeschafft werde, könne sich die Swiss wieder stabilisieren.

Doch hinter den Kulissen heisst es aus Kreisen des Swiss-Managements, dass es mit dem Geld «knapp werden könnte», falls die Lage mit Quarantäne und Reiseeinschränkungen noch lange über den Jahreswechsel hinaus besteht. Zudem ist klar: Die Swiss wird deutlich mehr als 1,5 Millionen Franken pro Tag verbrennen, wenn dereinst die Kurzarbeit ausläuft. Zurzeit ist die gesamte Belegschaft in Kurzarbeit.

Die eidgenössische Finanzverwaltung schreibt, es liege kein Gesuch der Swiss um neue Staatshilfe vor. Doch in Kreisen des Bundesrats rechnet man ohne eine Verbesserung der Lage damit, dass die Swiss um die Jahreswende herum neues Geld braucht.

Ein mit der Sache befasster hochrangiger Angehöriger der Bundesverwaltung mit Zugang zum Bundesrat sagt, die Swiss verbrenne jeden Tag Geld. Das Problem sei die Quarantäneregel. Erst wenn diese zugunsten von Schnelltests abgeschafft werde, könne sich die Swiss wieder stabilisieren. Und: Es sei klar, dass der Bund ein Begehren um einen zweiten Hilfskredit nicht ablehnen könne, nachdem er bereits eine Bürgschaft von 1,275 Milliarden Franken übernommen hat.

Lufthansa ist in Berlin bereits vorstellig geworden

In Berlin habe die Lufthansa-Spitze «inoffiziell in Hintergrundgesprächen die verschärfte Negativentwicklung erläutert», bestätigt ein CDU-Parlamentarier. Neue Forderungen nach einer Bargeldspritze seien «zu befürchten».

Ein hoher Beamter im deutschen Wirtschaftsministerium, der im engen Kontakt mit der Lufthansa steht, wird deutlicher: «Irgendwann geht der Lufthansa die Luft aus, bis Jahresende ist die Liquidität eventuell aufgebraucht.» Konkrete Zahlen betreffend frisches Geld gibt es nicht, doch im Bundestag rechnet man damit. Bei anhaltender Lage sei die 9-Milliarden-Staatshilfe «schnell weg», meint ein FDP-Abgeordneter. Dann erfordere es die «politische Logik», einem «staatsstrategischen Unternehmen weiter zu helfen».

Da die Bundesregierung Grossaktionär bei der Lufthansa ist, steht sie unter Zugzwang, vor allem im Wahljahr 2021. Der CDU-Abgeordnete Sepp Müller spricht von einer «katastrophalen Situation einer Kernbranche». Er sorgt sich, dass die Staatshilfe «nicht lange reichen wird».

Bei einem Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel mit den Regierungschefs der Bundesländer diese Woche wurde schriftlich festgehalten, dass die Corona-Hilfsmassnahmen für Unternehmen verlängert und «die Konditionen verbessert werden sollen».

Gleichwohl regt sich Widerstand gegen neue Finanzhilfen, weil dadurch Begehrlichkeiten geweckt werden. Deutschland hat bereits die Reisekonzerne TUI und Condor finanziell unterstützt. Eine neue Kapitalspritze für die Lufthansa würde sie zu ähnlichen Forderungen animieren.

Swiss fordert Lohnverzicht – und droht mit Stellenabbau

Angesichts der verzweifelten Lage sind nun radikale Sparmassnahmen erforderlich – auch, weil der Bund in den Verträgen zum Rettungskredit von der Swiss einen hohen Gewinn verlangt.

Die Swiss will zwar laut eigenem Bekunden Entlassungen vermeiden. Aber sie hat angekündigt, 15 Prozent der Personalkosten einzusparen. Sie droht mit einem Stellenabbau, wenn die Angestellten nicht zu Lohnverzicht, Frühpensionierungen und Teilzeitpensen bereit sind. Damit sind die Stellen von 1425 der 9500 Mitarbeiter gefährdet.

Mit Kapers, der Gewerkschaft des Kabinenpersonals, hat die Swiss bereits im September Verhandlungen über einen Sozialplan aufgenommen. Das ist ein Vorbote für Entlassungen. Mit dem Pilotenverband Aeropers beginnen die Verhandlungen übernächste Woche.

Bei der Lufthansa genügt der im August angekündigte Abbau von 22’000 Stellen offenbar bereits nicht mehr. Ende September sagte Lufthansa-Konzernchef Carsten Spohr, ein zusätzlicher Abbau von 5000 Stellen sei nötig. Allein bei den Piloten sollen 1100 Stellen gestrichen werden.

Das Virus diktiert die Agenda

Wann die Luftfahrtbranche wieder abhebt, kann aktuell niemand sagen. Die steigenden Corona-Zahlen weltweit machen zuverlässige Prognosen unmöglich. Erst sobald ein wirksamer Impfstoff vorliegt, kann sich die Lage deutlich verbessern. Die Swiss erwartet erst 2024 eine «neue Normalität», aber «auf tieferem Niveau als vor Ausbruch der Pandemie», wie Sprecherin Karin Müller sagt. Sprich: weniger Passagiere, weniger Flüge, weniger Einnahmen.

Bei anderen Fluggesellschaften lauten die Prognosen ähnlich. Das bedeutet eine lange Durststrecke, die bei anhaltenden Liquiditätsproblemen neue Kapitalhilfen unvermeidlich macht. Der Welt-Luftfahrtverband Iata erwartet für das kommende Jahr einen weiteren Bargeldabfluss von 60 bis 70 Milliarden Dollar und warnt vor einem «systemischen Kollaps der Branche». 4,8 Millionen Arbeitsplätze in der Luftfahrt seien bedroht.