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Swiss setzt Mitarbeitern das Messer an den Hals

TA 13.09.2020Lohnverzicht oder Stellenabbau

Die Fluggesellschaft will 15 Prozent der Personalkosten einsparen. Wenn die Mitarbeiter nicht zu einem Lohnverzicht bereit sind, droht ihnen ein Stellenabbau. Nun hat die Swiss Verhandlungen mit den Gewerkschaften über einen Sozialplan gestartet.

Sie werden hinter den Kulissen geführt und verheissen Schicksalsschläge: Sozialplanverhandlungen sind Vorboten von Entlassungen. Vor kurzem hat die Fluggesellschaft Swiss die Gewerkschaften genau dazu eingeladen.

Darunter ist Stefan Brülisauer vom Schweizerischen Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD), der das Bodenpersonal vertritt. «Einen Verhandlungstag haben wir bereits hinter uns», sagt er. Die Fluggesellschaft habe Gesprächsbedarf angemeldet, wobei es um einen Sozialplan und um einzelne Punkte im Gesamtarbeitsvertrag gehe.

Vogel friss – oder stirb

Das sind schlechte Nachrichten für die rund 9500 Mitarbeiter der Fluggesellschaft, denn Swiss-Chef Thomas Klühr räumte vor zwei Wochen gegenüber der «NZZ am Sonntag» ein: «Ich kann für nichts garantieren.» Dennoch betont Unternehmenssprecher Marco Lipp, Ziel sei, mit «möglichst allen Mitarbeitenden durch die Krise zu kommen». Er macht aber gleichzeitig deutlich: «Dies wird nur möglich sein, wenn in allen Unternehmensbereichen substanzielle Personalkostenreduktionen für den Zeitraum der kommenden Krisenjahre erreicht werden können.»

Sprich: Die Swiss setzt den Mitarbeitern das Messer an den Hals. Entweder Lohnkürzungen – oder Stellenabbau. Vogel friss – oder stirb. Die Fluggesellschaft ist zu den rigorosen Sparmassnahmen gezwungen, denn der Bund hat strenge Vorgaben in das 1,5-Milliarden-Rettungspaket gesetzt.

1425 Stellen sind bedroht

Zwar will sich die Swiss «zu den laufenden Verhandlungen nicht detailliert äussern». Immerhin aber so viel: «Wir müssen rund 20 Prozent der Kosten einsparen. Dabei setzen wir nicht nur bei den Personalkosten an, sondern in jedem Bereich des Unternehmens.»

Laut Stefan Brülisauer vom VPOD stehen beim Personal Einsparungen von nicht weniger als 15 Prozent im Raum. Damit sind die Stellen von 1425 der 9500 Mitarbeiter gefährdet.

Auch Piloten und Kabinenpersonal betroffen

Laut der Swiss geht es nun darum, mit den Sozialpartnern «Lösungen zu finden». Offenbar sind Entlassungen kein Tabu. Wie Sprecher Lipp ausführt, gehöre auch «eine Diskussion über Sozialpläne dazu, sollte es aller gemeinsamen Bemühungen zum Trotz doch zu Kündigungen kommen». Zudem arbeite die Swiss verschiedene Angebote aus wie erweiterte Teilzeitmodelle und die Möglichkeit flexibler Frühpensionierungen.

«Es geht um alle Personalbereiche, sprich Boden, Kabine und Cockpit», sagt Lipp. Tatsächlich hat die Swiss auch Gespräche mit Kapers, der Gewerkschaft des Kabinenpersonals, aufgenommen. «Wir haben zwei Verhandlungstage hinter uns», sagt Präsidentin Sandrine Nikolic-Fuss. Ziel war bisher eine Auslegeordnung über mögliche Sparmassnahmen. «Von einem Sozialplan war aber bei unseren Gesprächen nicht die Rede», sagt sie.

Noch nicht so weit ist der Pilotenverband Aeropers. «Wir sind erst zu Verhandlungen eingeladen worden. Worum es konkret gehen wird, wird sich bei den Sondierungsgesprächen zeigen», sagt Sprecher Thomas Steffen. Denn während für die Vertreter des Bodenpersonals in den kommenden Wochen bereits das zweite Treffen ansteht, setzen sich die Piloten erst im Oktober mit ihrem Arbeitgeber an den Verhandlungstisch.

Deren Gesamtarbeitsvertrag kann frühestens im kommenden Frühjahr auf März 2022 gekündigt werden. «Wir sind uns aber bewusst, dass angesichts der Situation bereits jetzt ein Verhandlungsbedarf besteht», sagt Steffen.

Kaskade von Entlassungen am Flughafen Zürich

Fast jeden Tag vermeldet die Schweizer Luftfahrtbranche derzeit Hiobsbotschaften. Am Freitag wurde bekannt, dass der Flughafen Zürich trotz Kurzarbeit und einem Einstellungsstopp 26 Kündigungen ausgesprochen hat. Das ist aber noch nicht alles: Der Flughafen wird bis nächsten Sommer 120 Stellen kürzen.

Am Mittwoch hat der Verbund der französischen Fluggesellschaft Air France und der niederländischen KLM die Entlassung der Hälfte seiner rund 80 Angestellten in der Schweiz angekündigt. 37 Personen am Check-in, an der Ticketausgabe, im Kundenservice und im Verkauf sind betroffen.

Auch bei Singapore Airlines müssen die Schweizer Mitarbeitenden bangen. Das Unternehmen streicht weltweit 4300 Stellen. Nach Berücksichtigung eines Einstellungsstopps, der natürlichen Fluktuation und freiwilliger Ausstiegsprogramme werde die Zahl der betroffenen Mitarbeiter etwa bei 2400 liegen, sagt eine Sprecherin. Noch ist unklar, welche Mitarbeiter von der Entlassungswelle betroffen sind.

17’000 Mitarbeiter weniger bei Swissport

Von der «grössten Krise der Luftfahrt» sprechen die Aviatiker. Einer, die sogar das Grounding der Swissair in den Schatten stellt. Und wie damals trifft es nicht nur die Fluggesellschaften. Betroffen sind auch Zulieferer. Der Wartungsbetrieb SR Technics hat bereits 500 Entlassungen angekündigt, der Flugverpfleger Gate Gourmet streicht 350 Stellen.

Auch das Abfertigungsunternehmen Swissport gerät zusehends ins Trudeln: Anfang Jahr beschäftigte es weltweit 65’000 Mitarbeiter, Ende August waren es noch 48’000. Vom Abbau betroffen sind auch die Standorte Zürich, Genf und Basel, wo zu Jahresbeginn 4621 Personen tätig waren – heute sind es 368 weniger. Das ist eine Folge des im Februar verhängten Einstellungsstopps. Auch wurden befristete Verträge nicht verlängert und Kündigungen während der Probezeit ausgesprochen.

Swissport will Löhne um 20 Prozent senken

Momentan befinden sich rund 75 Prozent aller Swissport-Mitarbeiter am Zürcher Flughafen in Kurzarbeit. Das Unternehmen strebt eine Verlängerung an, weil es erwartet, dass sich die Krise im kommenden Jahr fortsetzt. Es rechnet für 2021 mit einem Umsatzeinbruch von 30 bis 40 Prozent. Trotzdem: «Wir möchten möglichst alle Arbeitsplätze in der Schweiz erhalten», sagt Sprecherin Natalie Berchtold.

Derzeit verhandelt Swissport mit den Gewerkschaften einen Gesamtarbeitsvertrag. Im Raum stehen laut Gewerkschaft Lohnsenkungen von bis zu 20 Prozent. Dagegen hat sich die Belegschaft am Freitag lauthals gewehrt. Laut Stefan Brülisauer vom VPOD steht kommende Woche noch einmal ein Verhandlungstag auf dem Programm.

Cargologic mit neuem Sozialplan

Wie nun die Swiss hat auch das Frachtunternehmen Cargologic einen neuen Sozialplan mit den Gewerkschaften ausgearbeitet. «Weil der alte Plan aus dem Jahr 2004 stammt», sagt Cargologic-Chef Marco Gredig. «Selbstverständlich wollen wir eine Massenentlassung vermeiden.»

Zwar habe sich das Geschäft seit dem Lockdown etwas erholt. «Das Umsatzvolumen ist derzeit aber nur halb so gross wie vor der Pandemie.» Gredig leistet derzeit wie der Grossteil seiner Belegschaft Kurzarbeit – wie lange noch, ist unklar. Der Cargologic-Chef sagt: «Die Situation ist extrem volatil, was eine langfristige Planung kaum möglich macht.»