Swiss setzt trotz Kritik weiter auf Kurzstrecke

Bluewin 22.4.2021

Während Deutschland und Frankreich das Fliegen auf der Kurzstrecke einschränken wollen, setzt die Swiss weiter auf die Verbindung zwischen Zürich und Genf. Ökologischer Irrsinn oder ökonomische Notwendigkeit?

Zugegeben, es gibt kürzere Strecken. Etwa den 2,8 Kilometer langen Linienflug, der zwei Orkney-Inseln miteinander verbindet und als kürzester der Welt gilt. Wirklich weit aber ist auch die Strecke nicht, die die Swiss derzeit bis zu 19-mal pro Woche bedient: Rund 230 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Zürich und Genf, die Flugzeit beträgt gerade einmal 50 Minuten. Mit dem Zug ist man nur knapp zwei Stunden länger unterwegs. 

«Gerade in der kleinen Schweiz kann man jede grössere Stadt innert nützlicher Frist per Bahn erreichen», sagt Georg Klingler, Klimaexperte bei Greenpeace Schweiz, zu «blue News». Die Umweltorganisation fordert, den Inlands-Flugverkehr komplett auf Bahn oder Bus zu verlegen. Auch Videokonferenzen seien eine Alternative, etwa zu Geschäftstreffen. «In Zukunft sollen Inlandflüge nur noch für Schutz und Rettung sowie anders nicht durchführbare Transporte zugelassen werden», so Klingler.

Während US-Präsident Joe Biden derzeit auf einem Online-Klimagipfel mit 40 Staats- und Regierungschefs, darunter auch Xi Jinping aus China, für ehrgeizigere Klimaziele wirbt, rückt die Bedeutung des Flugverkehrs für die Erderwärmug wieder in den Fokus. So kündigte Frankreichs Regierung kürzlich an, alle Inlandsflüge zu Zielen zu verbieten, die mit dem Zug in nicht mehr als zweieinhalb Stunden erreichbar sind. Erklärtes Ziel der Massnahme ist die Stärkung der Bahn – und der Schutz des Klimas. 

Klimaschädlichste Form des Reisens

Ganz so weit geht man im Nachbarland Deutschland derzeit nicht. Aber auch in der Bundesrepublik soll weniger Kurzstrecke geflogen werden. Laut einem Aktionsplan der Deutschen Bahn und des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft sollen in Zukunft 4,3 Millionen bisherige Flugpassagiere auf die Bahn umsteigen. Damit würde fast jeder fünfte Inlandsflug wegfallen.

Das Reisen per Flugzeug gilt als klimaschädlichste Form des Transports; Zug und Bus schneiden deutlich besser ab. So schlägt etwa ein Flug von Zürich nach Genf und zurück mit rund 100 Kilogramm CO2 pro Passagier zu Buche, so die Klimaschutz-Organisation Atmosfair. Das entspricht rund 7 Prozent des klimaverträglichen Jahresbudgets eines Menschen, das die Organisation errechnet hat.

An der schweizerischen Kurzstrecke will die Swiss dennoch festhalten. Der Fluggesellschaft sei es ein Anliegen, «die verschiedenen Landesteile an das weltweite Streckennetz von Swiss am Zürcher Hub anzubinden», so ein Sprecher. Mehr als Dreiviertel der Inlandspassagiere steige in Zürich auf Kontinental- oder Interkontinentalflüge um.

Auch international hat die Swiss mehrere Kurzstrecken im Angebot, etwa zwischen Zürich und München. Vor der Pandemie flog die Airline wöchentlich 25-mal zwischen den beiden Städten hin und her, derzeit zwei- bis fünfmal. Mit der Bahn soll die Strecke ab Ende des Jahres in dreieinhalb Stunden zu bewältigen sein. Braucht es da noch Flüge?

«Nachfrage und Angebot entscheiden»

«Auf welchen Strecken Flugverbindungen durch Züge ersetzt werden können, müssen letztlich Nachfrage und Angebot entscheiden», sagt ein Sprecher des Bundesamts für Verkehr BAV auf Anfrage von «blue News». Man setze aber darauf, auch grenzüberschreitend den Verkehr vom Flugzeug und vom Auto auf die Schiene zu holen. So investiere man eine Milliarde Franken, um die Ost- und Westschweiz an das europäische Eisenbahn-Hochleistungsnetz anzubinden. Durch den Klimafonds sollen ausserdem Nachtzugangebote gefördert werden.

Auch die Swiss verweist auf Anfrage auf die Möglichkeit, den Zug statt das Flugzeug zu nehmen. So könnten Fluggäste aus der Westschweiz schon jetzt mit der Bahn bequem von Genf zum Zürcher Flughafen reisen.

Auf den 50-Minuten-Flug will die Airline dennoch nicht verzichten. Aus den derzeit 19 Verbindungen zwischen den beiden Städten sollen schon bald wieder 25 Flüge pro Woche werden. Gut möglich, dass sich die Zahl in naher Zukunft noch erhöht: Vor Beginn der Corona-Krise lag die Frequenz bei wöchentlich 55 Flügen.