Touristik-Prof pendelt mit dem Flugzeug zur Arbeit

20min 28.03.2019

Während Klimastreiks für Aufsehen sorgen, postet der Studienleiter Tourismus an der HTW ein Bild seines Arbeitswegs: Er fliegt vom Wallis nach Graubünden.

An vielen Schweizer Hochschulen und Universitäten finden derzeit sogenannte Nachhaltigkeitswochen statt. Die Organisatoren setzen sich zum Ziel, für ökologische Probleme zu sensibilisieren. Auch an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Chur fanden Anfang März Diskussionen und Workshops statt, konkret zu nachhaltigem Reisen.

In diese Debatte, nicht zuletzt angeheizt durch die Klimastreiks, platzt Professor Thorsten Merkle, Tourismus-Studienleiter an der HTW Chur: Er pendle mehrmals in der Woche von Visp nach Chur, manchmal auch per Flugzeug, wie er auf dem Instagram-Account der HTW schreibt. Illustriert ist der Post mit einem Blick aus dem Cockpit.

Prompt hagelte es Kritik. «An einer Fachhochschule, an der unter anderem auch Social-Media-Module unterrichtet werden, ist ein solcher Post in Zeiten von Klimawandel und Klimademos sehr unvorteilhaft.» Ein anderer Nutzer meint ironisch: «Ganz im Sinne der grossgeschriebenen Nachhaltigkeitsziele der HTW.»

Es sei noch nicht vollständig gelungen, in und um die HTW Chur für das Thema Nachhaltigkeit zu sensibilisieren, doppeln die Veranstalter der lokalen Nachhaltigkeitswoche nach. Dieses Verhalten sei in puncto Nachhaltigkeit keineswegs zu rechtfertigen. «Herr Merkle wird von uns auf jeden Fall eine persönliche Einladung für die nächste Nachhaltigkeitswoche erhalten – mit beigelegtem Zugticket.»

So rechtfertigt sich der Studienleiter Tourismus

Gegenüber 20 Minuten stellt Thorsten Merkle klar: «Die Idee für den Instagram-Post hatte ich als Privatperson. Da ich Hobbypilot bin, lag es auf der Hand, dazu eine Story zu machen.» Da er auf dem Arbeitsweg nicht die Hochschule repräsentiere, entfalle die Vorbildfunktion. Nachhaltigkeit sei ihm wichtig, betont er. «Ich esse kaum Fleisch, besitze kein Auto und reise meist mit dem Zug.» Zudem beschränkten sich seine Flüge auf etwa ein Dutzend im Jahr, da auch die Bedingungen stimmen müssten.

Es sei ihm bewusst, dass man das Pendeln mit dem Flugzeug kritisch sehen könne, sagt Merkle. «Aber Pendeln ist per se nicht nachhaltig», schreibt er denn auch im Instagram Post. Dies erklärt er damit, dass man nicht nur die ökologische Ebene betrachten dürfe. So habe sein Arbeitsweg per Flugzeug dafür auch ökonomische Effekte, denn der 50-jähriger Oldtimer schaffe Arbeitsplätze in der Region. Zudem dürfe man nicht vergessen, dass das Fliegen Emotionen transportiere und vom Tourismus nicht wegzudenken sei. «Ich begrüsse es, dass nun eine Diskussion über die Nachhaltigkeit des Fliegens stattfindet – den Post würde ich aber so nicht nochmals machen.»

HTW sieht grundsätzliches Verbesserungspotenzial

Auf Anfrage erklärt die HTW Chur, es stehe ihr nicht an, über die Freizeitaktivitäten, wozu auch der Arbeitsweg gehöre, ihrer Angehörigen zu urteilen. «Mit ihrer Strategischen Initiative Nachhaltige Entwicklung ist die HTW Chur bestrebt, auch ihre Angehörigen – seien es Studierende, Mitarbeitende oder Lehrbeauftragte – für die Thematik zu sensibilisieren. «Wie in der Gesellschaft als Ganzes gibt es auch an der HTW Chur diesbezüglich Verbesserungspotenzial», sagt Sprecherin Flurina Simeon.

Kommentar

HTW-Chur-Prof pendelt mit dem Flugi zum Unterricht

Blick bringt es dieses Mal mit „Schule prahlt mit Klima-Sünder“ am besten auf den Punkt. Er hat absolut recht und übertreibt überhaupt nicht, denn der Instagram-Account gehört der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Chur und nicht etwa privat Professor Thorsten Merkle, Tourismus-Studienleiter. Das stellt der HTW ein schlechtes Zeugnis aus, vor allem noch mit der gebrachten Ausrede, Prof. Thorsten Merkle äussere sich dort nur privat.

CO2-Kompensation

Kompensieren muss der Professor ganz schön viel. Gemäss Angaben der Stiftung MyClimate gegenüber BLICK hat er mit einem solchen Flug im Kleinflugzeug insgesamt 80 bis 120 Kilogramm Kohlenstoffdioxid ausgestossen. Rückreise exklusive. Zum Vergleich: Mit dem Zug würde dieselbe Strecke nur 2,3 Kilogramm CO2-Emissionen verursachen.