Vom gekröpften zum gekrümmten Nordanflug

AZ 14.10.2012

Eine Zürcher Stiftung will alle Anflüge in den Staatsvertrags-Sperrzeiten über gekrümmte Anflüge abwickeln. Das löst im Aargau Kopfschütteln aus. Im Planungsverband Zurzibiet sieht man die Umbenennung als Verwirrtaktik.

Das Ringen um die innerschweizerische Verteilung der Anflüge aufgrund des Fluglärm-Staatsvertrags ist in vollem Gang. Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) hat sechs Varianten in eine Anhörung geschickt. Die im Jahr 2000 gegründete Stiftung gegen Fluglärm mit Sitz in zürcherischen Zumikon fügt noch eine Variante bei. Sie unterbreitet ein «menschenfreundliches Betriebskonzept», mit dem Ziel, möglichst wenig Menschen mit Fluglärm zu belasten und fordert die rasche Umsetzung des gekrümmten Nordanflugs von Westen und von Osten. Dieser neue Nordanflug erlaube einen stabilen Blindlandeanflug, im Gegensatz zum bisher vom Flughafen verfolgten Projekt für einen gekröpften Nordanflug auf Sicht. Um die Belastung der betroffenen Bevölkerung zu mildern, sollen die Anflüge auf Kloten in der sensiblen Morgenzeit künftig erst ab 6.30 Uhr erfolgen (Starts sollen ab 6 Uhr möglich sein). Der Präsident der Stiftung, Adolf Spörri, Rechtsanwalt aus Gockhausen, ist überzeugt, dass dies machbar ist: «Auch der Flughafen muss seinen Beitrag zur Befriedung des Flughafenstreits leisten.»

Unter der Woche und am Wochenende ab 18 Uhr sähe die Stiftung den gekrümmten Nordanflug aus Osten und Westen. Bisher habe es am Willen des Bazl und des Flughafens gefehlt, diese im Interesse der Bevölkerung liegende Anflugvariante voranzutreiben, kritisiert Spörri. Der gekrümmte Nordanflug könne so perfektioniert werden, «dass während der deutschen Sperrzeiten faktisch 100 Prozent der Anflüge darüber abgewickelt werden können». Spörri ist überzeugt: «Der stabile GPS-Anflug von Osten und von Westen kann rasch realisiert werden.»

Die Politik müsse vom Bazl fordern, dass dieses seine Führungsrolle endlich wahrnehme. Ziel müsse sein, «die Immissionen zu kanalisieren, aber auch die Betroffenen richtig zu entschädigen», so Spörri. Auch hier verlangt er vom Flughafen «einen mutigen Schritt nach vorne». Dem Aargau, der sich gegen den gekrümmten Anflug auch wehrt, weil Atomanlagen überflogen würden, hält er entgegen, ein derartiges Unglück wäre beim stabilen neuen Blindlandeanflug praktisch auszuschliessen. Beim gekrümmten Nordanflug werde das Satellitensignal durch Bodenstationen unterstützt und dessen Genauigkeit dadurch erheblich gesteigert. Zudem gibt er zu bedenken, es könnte unzählige Opfer geben, wenn eine Maschine über städtisches Gebiet abstürzen würde.

Was hält man im Aargau von diesem Vorschlag? Er stösst auf keinerlei Gegenliebe, etwa bei Felix Binder. Er präsidiert den Planungsverband Zurzibiet und ist im leitenden Ausschuss der IG Nord. Er betont, ihr Ziel sei ein System, in dem alle Regionen einen Anteil Lärm tragen, der Lärm fair verteilt werde: «Es kann nicht sein, dass der Süden keinen Lärm tragen und ihn alle anderen drei Himmelsrichtungen übernehmen müssen.» Nach seiner Erfahrung versuche man im Süden, den eigenen Anteil wegzubringen. Felix Binder: «Wer ihn dann tragen muss, ist ihnen mehr oder weniger wurst.» Den Süden hier aus dem Spiel zu nehmen, komme aber überhaupt nicht infrage, so Binder: «Im Zürcher Süden das Geld und im Zürcher Unterland und im Aargau der Lärm? Nein, das geht überhaupt nicht!»

Binder versteht auch die Umbenennung des gekröpften Nordanflugs in einen gekrümmten Nordanflug nicht: «Ist das eine Verwirrtaktik, damit die Leute nicht verstehen, worum es geht? Wenn das gelingt, kann man nämlich auch keinen Widerstand organisieren.» Ob gekröpft oder gekrümmt, dieser Anflug komme nicht infrage. Die Argumentation von Adolf Spörri, wonach dieser Anflug satellitengestützt sicher betrieben werden könne, teilt er nicht. Binder: «Der gekrümmte Anflug bringt ein grosses Sicherheitsrisiko.» Natürlich würden die technischen Möglichkeiten ständig weiterentwickelt. Doch gekrümmte, satellitengestützte Anflüge gebe es in der Schweiz ja noch gar nicht. Binder kann auch dem Vorschlag, Anflüge auf den Flughafen künftig erst ab 6.30 Uhr zuzulassen, nichts abgewinnen: «Ich staune, welch gewaltige Einschränkungen man mit dem Vorschlag aus Zumikon dem Flughafen aufbürden würde. Es ist nicht unser Ziel, diesen in seiner Struktur zu treffen.»

Zum Vorschlag der Stiftung an sich äussert sich Sonja Zöchling, Kommunikationschefin des Flughafens Zürich-Kloten, unter Verweis auf die sechs Varianten des Bazl nicht. Der Vorschlag der Stiftung, künftig Anflüge halt erst ab 6.30 Uhr zuzulassen, sei überhaupt nicht realistisch. Zürich-Kloten habe heute schon eine der strengsten Regelungen. Zöchling: «Wir sind ein Hub mit Langstreckenverbindungen. Würden wir am Morgen so viel Zeit kappen, würde dies unsere Stellung als Drehkreuz gefährden.» Schliesslich starte jeder Flug irgendwo zu einer bestimmten Zeit. Man könne die Maschinen auch nicht einfach eine halbe Stunde kreisen lassen, was zudem sehr unökologisch wäre. Zur Aufforderung von Adolf Spörri, «einen mutigen Schritt zu tun», antwortet Sonja Zöchling, man tue alles, um den Betrieb am effizientesten und am sichersten zu gestalten: «Der Lärm ist aber da.» Auch sei man seit Jahren dran, bei den Meistbetroffenen Schallschutzfenster zu installieren und Rückerstattungen an jene Hauseigentümer zu vergüten, die solche Massnahmen schon früher auf eigene Kosten getätigt hätten. Sonja Zöchling: «Es wird zunehmend schwieriger, das berechtigte Ruhebedürfnis der Anwohner und das stetig steigende Mobilitätsbedürfnis von Gesellschaft und Wirtschaft unter einen Hut zu bringen.» Doch, so die Kommunikationschefin: «Wir nehmen unsere Verantwortung wahr. Wir wissen, dass wir den Flughafen nicht gegen die Interessen der Bevölkerung betreiben können.»

Kopfschütteln und ein kategorisches Nein zum Vorschlag der Stiftung kommt auch aus dem aargauischen Baudepartement. Für Projektleiter Hans-Martin Plüss widerspricht der Vorschlag aus Zumikon klar dem Grundsatz der fairen Lärmverteilung: «Damit will man den Süden komplett entlasten und den Lärm abschieben, am liebsten in den Aargau.» Für ihn ist klar: «Dieser Vorschlag wäre für den Aargau der Worst Case. Das kommt überhaupt nicht infrage.» Plüss hat aber auch technische Fragezeichen. Wäre der gekrümmte Anflug wirklich so realisierbar? Brächte er dieselbe Kapazität wie das heutige Süd- und Nordkonzept? Für ihn lautet die Antwort nein: «Würde man den gekrümmten Anflug abends schon ab 18 Uhr einführen, würde Zürich-Kloten in dieser Tageszeit etwa auf die Kapazität eines Regionalflugplatzes zurückfallen. Das weiss man in Kloten und in Bern. Deshalb machen weder der Flughafen noch das Bazl einen solchen Vorschlag.»