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Wall Street Storytelling: Wie KI-Firmen ihre Milliarden-Bewertung verkaufen

Wenn ein KI-Unternehmen an die Börse geht, verkauft es nicht nur Aktien. Es verkauft eine Geschichte, die Investoren überzeugt, trotz hoher Verluste Milliarden zu zahlen. Diese Geschichte hat eine Methode, eine Theorie und prominente Kritiker.

Im Zentrum jedes Börsengangs steht die sogenannte Equity Story: Sie erklärt Geschäftsmodell, Wettbewerbsposition, Wachstumspfad und Bewertung in einer verständlichen Erzählung. Ohne sie bleibt selbst ein starkes Unternehmen schwer greifbar.

Die Roadshow verkauft die Erzählung, nicht die Bilanz

Vor dem Börsengang reisen CEO und CFO wochenlang durch die Finanzzentren und tragen dieselbe Geschichte vor institutionellen Investoren vor. Zuvor erhalten die bankeigenen Analysten in einem Teach-in dieselbe Erzählung samt Zahlengrundlage.

Ziel der Roadshow ist «Book Building»: Die Bank sammelt Kaufinteresse ein und leitet daraus Preis und Zuteilung der Aktien ab. Eine verständliche Geschichte lässt sich leichter verkaufen als ein reines Zahlenkonvolut.

Warum Geschichten Märkte bewegen

Der Nobelpreisträger Robert Shiller lieferte dafür den theoretischen Unterbau. Seine These: Finanzblasen entstehen weniger aus Fundamentaldaten als aus Erzählungen, die sich wie Epidemien verbreiten.

Sobald eine Gruppe von Aktien einen griffigen Namen bekommt oder zum Meme wird, ist das für Shiller ein Warnsignal für ein starkes Narrativ. Das beobachtete er beim Dotcom-Boom, als ein einziger Begriff die Erzählung trug: die «irrationale Übertreibung» des früheren Fed-Chefs Alan Greenspan.

OpenAI und Anthropic testen das Narrativ vor Publikum

Die aktuelle KI-Welle bringt diese Dynamik zurück an die Börse. OpenAI und Anthropic haben ihre Multi-Milliarden-Bewertungen bisher rein über private Finanzierungsrunden aufgebaut. Doch während die wiederkehrenden Umsätze (ARR) zwar im Rekordtempo steigen, hinken die Erträge den gewaltigen Trainings- und Rechenzentrumskosten hinterher. Bei einem Börsengang muss das Narrativ erstmals ungeschönten Zahlen zu Cashburn und Verlustpfad standhalten.

Andere Kandidaten wie Databricks positionieren sich anders: mit echtem Cashflow statt reinem Zukunftsversprechen. Manche Unternehmen verkaufen also Wachstumsfantasie, andere Stabilität.

Banker und Notenbanker sind sich uneinig

Die Reaktionen der Finanzwelt fallen gespalten aus. JPMorgan-Chef Jamie Dimon sprach zeitweise von «zu viel Überschwang» an den Märkten, relativierte später aber: Die Investition in künstliche Intelligenz sei keine spekulative Blase.

Fed-Chef Jerome Powell stellte sich noch deutlicher gegen die Blasen-These, weil KI-Unternehmen im Unterschied zur Dotcom-Ära über reale Geschäftsmodelle und Gewinne verfügten. Goldman-Chef David Solomon lehnt das Wort Blase ebenfalls ab, räumt aber Bewertungsrisiken ein.

Shiller selbst bleibt skeptisch: Die hohen Verluste heutiger KI-Marktführer hätten vor vierzig Jahren, als Profitabilität das zentrale Investitionssignal war, das sofortige Ende dieser Firmen bedeutet.

Der Preis entscheidet, nicht allein die These

Private Investoren haben die Bewertungen von KI-Unternehmen bereits massiv nach oben getrieben, lange bevor Publikumsinvestoren einsteigen dürfen. Wer beim Börsengang kauft, steigt an einem anderen Punkt der Kurve ein als die Frühinvestoren.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob künstliche Intelligenz die Zukunft prägt. Sie lautet, ab welchem Preis selbst eine richtige These aufhört, eine gute Investition zu sein.