Weniger Fluglärm spätabends hat einen hohen Preis

NZZ 3.7.2019

Der Flughafen Zürich beantragt dem Bundesamt für Zivilluftfahrt, auf eine Vorverlegung der letzten flugplanmässigen Starts nach 22 Uhr 30 zu verzichten. Die Folgen würden laut einem neuen Gutachten der vom Bund definierten Zweckbestimmung des Drehkreuzes widersprechen.

Lärm ist nicht einfach gleich Lärm. Vor allem beim Fliegen ist die Tageszeit entscheidend, wie unangenehm er empfunden wird. Auch eine Flugbewegung ist nur eine Zähleinheit. Ausschlaggebend ist, ob es ein Flug innerhalb Europas oder ein grosser Brummer ist, der nach Übersee fliegt.

Das zeigt sich nirgends deutlicher als am späten Abend. Ab 22 Uhr herrscht in Kloten eine Stunde lang Nachtbetrieb, dann ist es bis 23 Uhr 30 noch möglich, Verspätungen abzubauen. Nach 22 Uhr 30 starten fünf Maschinen der Swiss nach Übersee. Vor allem diese Flüge verursachen im Norden des Flughafens mehr Lärm, als nach dem Sachplan Infrastruktur Luftfahrt (SIL) zulässig ist.

Verkürzung der Betriebszeit

Warum die letzten Flüge also nicht vorverlegen? Den Auftrag, genau das zu prüfen, erteilte im Mai 2018 das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) dem Flughafen. Am Mittwoch hat dessen COO (Flugbetriebsleiter) Stefan Tschudin in einem Mediengespräch die Antwort erteilt: Es wäre für den Flughafen sowie die Airlines Swiss und Edelweiss kaum tragbar und würde sich volkswirtschaftlich negativ auswirken.

Der Bericht basiert mit gelieferten Daten aus Zürich auf einem Gutachten des Beratungsunternehmens Intraplan GmbH in München. Konkret ging es um die Aufgabe, die letzten Starts und Landungen vor 22 Uhr 30 zu verlegen.

Faktisch würden diese Flüge, insbesondere jene nach Übersee, wohl gestrichen. Der Betrieb des Drehkreuzes in Kloten erfolgt in vier Wellen. Das ausgeklügelte Konzept von An- und Abflügen lässt sich zeitlich nicht beliebig komprimieren. Die Zitrone, so der Befund, ist gleichsam ausgepresst: Mit einer weiteren Verkürzung der Betriebszeit, darauf liefe es laut Tschudin hinaus, würde die letzte Welle absterben.

Im innereuropäischen Linienverkehr wäre das schmerzhaft, aber noch knapp zu verantworten. Hingegen würde es die Anbindung von Zürich zu einigen interkontinentalen Zielen gefährden. Insbesondere Südamerika würde gar nicht mehr angeflogen. Die Swiss und ihre Partner-Airlines müssten mit einem Rückgang des Flugangebots um gut drei Prozent und an Passagieren um knapp sieben Prozent rechnen.

Swiss und Edelweiss betroffen

Wie verträgt sich das mit dem kürzlich bekanntgewordenen Antrag des Flughafens, zwischen 22 und 22 Uhr 20 vier zusätzliche Zeitfenster (Slots) für Flüge zu beantragen? Dies sei ein Angebot an eine allfällige Airline aus Südamerika, die Zürich anfliegen wolle, erläuterte Tschudin. Der Swiss bringe das nichts, weil sie nur am späten Abend dank dem vorherigen Zubringerverkehr diese Flüge auslasten könne. Zürich rechne dabei international mit sehr kurzen Umsteigezeiten von minimal 40 Minuten.

Für die Touristikangebote, vor allem die Edelweiss-Air, hätte eine Vorverlegung der spätesten Flüge einen Geschäftsrückgang um etwa 15 Prozent zur Folge. Für Swiss und Edelweiss könnte sich die Frage stellen, ob sich die Stationierung gewisser Maschinen in Zürich noch lohne, sagte Tschudin. Nur Billigangebote wären kaum betroffen.

Der Flughafen Zürich zieht das Fazit, dass die verkehrlichen Auswirkungen seiner Zweckbestimmung entgegenstehen. Er bezieht sich auf den luftfahrtpolitischen Bericht des Bundes und den SIL, wonach in Zürich ein Drehkreuz zu betreiben ist mit dem Ziel, «gute Direktverbindungen in Europa und zu den wichtigsten Zentren weltweit» anzubieten.

Das Gutachten beziffert auch die volkswirtschaftlichen Effekte. Demnach wären direkt rund 2000 Vollzeitstellen und eine Wertschöpfung von 350 Millionen Franken gefährdet. Indirekt durch die schlechtere Erreichbarkeit könnten sich die Auswirkungen auf 7700 Stellen und 1,6 Milliarden Franken erhöhen.

Nun ist Bern am Zug

Der Bericht geht nun an das Bazl mit dem Antrag, die letzten Flüge nicht vorzuverlegen. COO Tschudin zeigte sich zuversichtlich, dass Bern der Empfehlung folgen wird. Die Fachleute des Flughafens errechneten zwar, dass durch die Massnahme der Lärm am späten Abend eingedämmt werden könne. Dank betrieblichen Massnahmen sei es aber gelungen, die Starts der Langstreckenjets spätabends zu verringern, auch wenn im letzten Jahr die Zahl der Flugbewegungen im Nachtbetrieb insgesamt weiter angestiegen sei.

Die Verantwortlichen des Flughafens wiesen darauf hin, Zürich weise im europäischen Vergleich mit einer Sperrzeit von 23 Uhr 30 bis 6 Uhr die längste Nachtruhe auf. Bei vollständiger Umsetzung des Betriebsreglements 2014, das wegen der Restriktionen durch Deutschland nur zum Teil in Kraft getreten sei, könne man die Vorgabe im SIL zum Fluglärm einhalten.