Widerstand am Boden blockiert freien Himmel über Europa

SRF 12.06.2017

Schon lange wird um einen einheitlichen europäischen Luftraum gerungen – mit wenig Erfolg. Skyguide geht nun voran

Das Wichtigste in Kürze

  • In Europa gibt es über 60 verschiedene Flugsicherungszentren.
  • Die Europäische Kommission kämpft seit 20 Jahren für ein Abkommen.
  • Doch kein Staat will seine Lufthoheit abgeben.

«Bei meinem Antritt vor zehn Jahren war ich schon überrascht, wie wenig der europäische oder gar globale Gedanke in der Branche verbreitet ist», sagt Daniel Weder. Er ist seit 2007 Geschäftsführer beim Schweizer Flugsicherungsunternehmen Skyguide.

Viel verändert hat sich in der Branche während dieser Zeit nicht. Noch immer ist der europäische Luftraum stark fragmentiert, noch immer gibt es über 60 verschiedene Flugsicherungszentren, noch immer ist die Technik nicht auf dem Stand des Möglichen.

Skyguide gilt als Pionier

Mit Genf und Zürich gibt es in der Schweiz zwei Flugsicherungszentren von Skyguide. Sie sind untereinander nicht kompatibel. Sprich, sie haben geschlossene Datensysteme und unterschiedliche Prozesse. Ein Austausch des Flugsicherungspersonals ist beispielsweise nicht möglich.

Doch dies soll sich ändern: Vor vier Jahren haben Daniel Weder und sein Team ein Projekt angestossen, das Pioniercharakter in Europa hat: Skyguide will in einem ersten Schritt die beiden Zentren Genf und Zürich untereinander kompatibel machen; harmonisieren heisst das im Jargon.

Bei Skyguide selber spricht man von einem «Virtual Centre». «Im Hintergrund wird die Infrastruktur langsam und systematisch umgeschaltet. Das dauert etwa drei Jahre. Danach kann man zwischen Zürich und Genf austauschen. In etwa vier Jahren kann man stufenweise jeden Sektor angleichen, damit schliesslich von beiden Orten aus gearbeitet werden kann», sagt Geschäftsführer Weder.

Widerstand der Länder

Das sind lange Zeiträume. Doch schaut man sich den Himmel über Europa insgesamt an, gelten noch weitaus längere Zeitachsen. So arbeitet die Europäische Kommission seit 20 Jahren an einem einheitlichen Luftraum. «Und es wird meiner Meinung nach nochmals 20 Jahre dauern, bis dieses Ziel erreicht ist», sagt Maurizio Castelletti von der zuständigen Kommission.

Widerstand komme vor allem von Ländern wie Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien oder auch Grossbritannien. Die Schweiz und ihren Ansatz der Harmonisierung findet Castelletti absolut richtig. Das Sparpotenzial einer einheitlichen Luftraumüberwachung in Europa schätzt die Kommission auf bis zu drei Milliarden Euro pro Jahr.

Ein weiterer Knackpunkt auf dem Weg zum einheitlichen europäischen Luftraum betrifft die Technik. Bis vor wenigen Jahren wurde auch in der Schweiz die Flugsicherung noch mit Papierstreifen durchgeführt. «Flugzeuge sind absolute Hightech-Maschinen, Flughäfen werden immer moderner und stellen sich dem Wettbewerb», hält Matthias Finger, Spezialist für Infrastruktur an der Universität Lausanne fest. «Nur die dritte Komponente, die Flugsicherung, ist nicht auf dem Stand des technisch Machbaren.»

Es würden hier viele Interessen zusammenkommen, wie starke Gewerkschaften, Monopole der Industrie und grundsätzlich zu wenig Konkurrenz in der Branche. Matthias Finger ist trotzdem hoffnungsvoll für die mittelfristige Zukunft. Der technische Fortschritt sei nicht aufzuhalten.