Widerstand gegen geplante Südstarts

Glattaler 07.09.2018

REGION: Die Änderungen am Betriebsreglement des Flughafens Zürich liegen nun öffentlich auf. Die geplanten Südstarts geradeaus führen vor allem im Bezirk Uster zu vermehrter Lärmbelastung. Bei den Fluglärmgegnern sorgen die Pläne für Kopfschütteln.

Die Fluglärmdiskussionen könnten im Oberland und im Glattal wieder neu angeheizt werden. Nachdem sich die Flughafengemeinden jüngst noch gemeinsam gegen den Vorschlag des Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) zum Konzeptteil des Sachplan Infrastruktur (SIL) stellten, zieht nun der Flughafen selbst den Unmut der Gemeinden auf sich. Grund dafür sind die Änderungen im Betriebsreglement, die die Flughafen Zürich AG beim Bazl eingereicht hat und die seit Montag öffentlich auflegen.

Vor allem die geplante Einführung von Südstarts geradeaus ab Piste 16 tangiert die Gemeinden im Bezirk Uster. Die Starts sind Teil eines neuen Bisenkonzeptes. Dieses soll angewendet werden, wenn östliche Winde, sogenannte Bisen, dazu führen, dass aufgrund des Rückenwindes nicht mehr auf Piste 28 in Richtung Westen gestartet werden kann. Viel mehr sollten die Flugzeuge dann ab Piste 16 in Richtung Süden, über Dübendorf, Fällanden und Maur, bis hin zum Pfannenstiel starten. Rund 55 Prozent aller Flugzeuge würde gemäss Bazl nach der Startphase dann in Richtung Greifensee und Uster abdrehen und weiterfliegen.

70 DEZIBEL IM SCHNITT

Bereits im August 2017 berichtete der „Glattaler“ über die zusätzliche Lärmbelastung, die durch Südstarts geradeaus entstehen könnten. Durch eine grobe Berechnung, basierend auf Daten aus Bazl-Berichten, liess sich dabei die Dezibel-Belastung für einen einzelnen Überflug eines Airbus A320 berechnen. Dabei zeigte sich, dass vor allem die Gemeinden Dübendorf, Fällanden, Maur, Volketswil, Greifensee und Uster von einer Mehrbelastung im Bereich von durchschnittlich 70 Dezibel betroffen wären.

Die geplanten Änderungen sorgen bei den betroffenen Gemeinden für rote Köpfe. „Leider befürchteten wir, dass solche Neuerungen geplant werden. Natürlich sind wir darüber alles andere als glücklich“, sagt Edi Rosenstein, Präsident vom Verein Flugschneise Süd – Nein mit Sitz in Fällanden. In die gleiche Kerbe schlägt das Fluglärmforum Süd: „Es kommt zwar nicht ganz überraschend, wird die Situation der Bevölkerung im Süden des Flughafens aber markant verschlechtern“, so Vizepräsident und Gemeindepräsident von Maur, Roland Humm.

Edi Rosenstein stört in der ganzen Sache vor allem die Haltung des Bazl: „Einmal mehr vertritt es nicht die Bevölkerung, sondern nur die Interessen des Flughafens und der Wirtschaft.“

Auch Roland Humm vermisst eine entsprechende Rückendeckung des Bundes. „Die wirtschaftlichen Aspekte werden einmal mehr über die Anliegen der Bevölkerung und der Sicherheit gestellt.“ Auch dass die Flugzeuge bei Biswind neu in Richtung Oberland abdrehen, ist für ihn nicht zufriedenstellend. „Der Bezirk Uster muss somit einen grossen Teil der Belastung mittragen.“

HAUPTARGUMENT SICHERHEIT

Für die Flughafen AG dagegen ist das heutige Bisenkonzept aus Sicherheitsüberlegungen und aufgrund der hohen Komplexität nicht mehr zeitgemäss. Und eine Alternative zum Bisenkonzept mit Südstarts geradeaus gebe es nicht, wie Sonja Zöchling, Kommunikationschefin der Flughafen Zürich AG, kürzlich sagte.

Gemäss Edi Rosenstein stünde eine solche Alternative aber seit Jahren bereit: Der gekröpfte Nordanflug über dünn oder kaum besiedeltes Gebiet. Dieser sei gemäss einer anerkannten wissenschaftlichen Studie einfach einführ- und fliegbar. „Bundesrätin Doris Leuthard weigert sich jedoch aus Rücksicht auf Deutschland und den Kanton Aargau dies umzusetzen“, so Rosenstein.

Das Argument Sicherheit ist auch für Roland Humm und das Fluglärmforum Süd nicht nachvollziehbar. „Der Flughafen stellt diese Aussagen schlicht in den Raum. Die Verspätungen beispielsweise sind grösstenteils aufgrund europäischer Flugverkehrsleitstellen begründet und entstehen nicht erst bei uns in der Schweiz.“

Geht es nach Edi Rosenstein, so sind die Verspätungen gar kein Argument. Als Grund dafür sieht er das Training der Kunstflugstaffel Patrouille Suisse, welches am Donnerstag vergangener Woche zwischen 14 und 14.30 Uhr am Flughafen Zürich über die Bühne ging. „Scheinbar hat der Flughafen noch Kapazitätsreserven, wenn er an einem Wochentag den ganzen Flugverkehr für eine halbe Stunde lahmlegen kann, ohne dass es abends dann zu einem Verspätungsabbau kommen muss.“

Aufgrund dieses Vorfalles sind die Südstarts geradeaus seiner Meinung nach vom Tisch. „Die Flüge nach der Sperrzeit wurden damit begründet, dass sich Verspätungen, die sich tagsüber anhäufen, erst nach der Sperrzeit abbauen liessen. Gemäss Flughafen ist dies nur durch Südstarts geradeaus zu verhindern. Mit der 30-minütigen Schliessung am Donnerstag hat der Flughafen aber das Gegenteil bewiesen.“

PROGNOSE WIRD BEZWEIFELT

Die Flughafen AG rechnet bis ins Jahr 2030 mit bis zu 7’500 Südstarts bei Bise pro Jahr. Für Edi Rosenstein vom Verein Flugschneise Süd – Nein, muss diese Prognose stark bezweifelt werden. „Bisher wurde immer von 20 Bise-Tagen jährlich geredet. In diesem Jahr hatten wir bis Ende Juni aber bereits 60.“ Er sei sich deshalb sicher, dass man diesen Berechnungen nicht trauen könne.

Auch Roland Humm ist skeptisch. „Das neue Reglement macht es dem Flughafen und der Skyguide einfacher, die Bisenzeit zu verlängern.“ Er befürchtet zudem, dass dadurch mehr Flüge über die Mittagszeit abgewickelt werden könnten.

VIELE EINSPRACHEN ERWARTET

Bis das neue Reglement in Betrieb ist, dürfte es aber noch eine Zeit dauern. Es wird mit diversen Einsprachen gerechnet. Am Ende wird wohl das Bundesgericht entscheiden. Roland Humm bestätigte bereits, dass das Fluglärmforum Süd „alle rechtlichen Mittel“ dagegen ausschöpfen wird: Auch der Verein Flugschneise Süd – Nein werde das neue Reglement vehement bekämpfen. „Wir müssen das Konzept erst einmal studieren. Aufgrund der bisherigen Informationen werden wir aber sicherlich Einsprache erheben“, so Rosenstein.

Am kürzlich abgeschlossenen Mitwirkungsverfahren zum Konzeptteil des Sachplan Infrastruktur Luftfahrt (SIL) beteiligten sich die Gegner ebenfalls. Wie der Verein Flugschneise Süd – Nein in einer Mitteilung schreibt, hätten 4742 Personen die Einsprache gegen die Pläne des Bundes unterstützt.