Der Cardioband-Skandal um Francesco Maisano spielte sich hauptsächlich am Universitätsspital Zürich (USZ) ab, wo zwischen 2016 und 2020 etwa 150 Patienten vermeidbar starben. Doch wie eine investigative Recherche der Zeitung „Die Welt“ im August 2025 enthüllte, streckte die „Maisano-Clique“ ihre Fühler bis nach Deutschland aus. Deutschland war dabei nur ein Nebenschauplatz des eigentlichen Skandals, zeigt aber die internationale Dimension des Netzwerks auf.
Deutsche Protagonisten im Netzwerk
Im Zentrum stehen deutsche Herz-Spezialisten, die eng mit Maisano kooperierten: Georg Nickenig vom Universitätsklinikum Bonn und ein prominenter Chefarzt der Universitätsklinik Mainz. Auch Volkmar Falk, Maisanos Vorgänger in Zürich und heute an der Charité Berlin tätig, war finanziell am Cardioband-Hersteller Valtech beteiligt und holte Maisano 2013 nach Zürich.
Die Gruppe testete das minimalinvasive Gerät zur Reparatur undichter Herzklappen bereits 2014-2016 parallel zu den Zürcher Experimenten. Nickenig publizierte früh mit Maisano und steht nun vor einem Verfahren wegen „wissenschaftlichen Fehlverhaltens“.
Tragische Fälle in deutschen Kliniken
Bonn 2014: Eine 21-jährige Frau, die zuvor eine Schwangerschaft abbrechen musste, erhielt ein Cardioband. Als das Implantat versagte – Schrauben hielten nicht, das Band riss aus – führte dies über ein gescheitertes Kunstherz zu ihrem Tod. Dieser Todesfall wurde in der offiziellen Studie verschwiegen.
Mainz 2016: Ein 80-jähriger Patient starb vier Monate nach der Cardioband-Implantation. Der Mainzer Chefarzt behauptete 2018 öffentlich, der Mann sei „in bester Gesundheit“ – obwohl er bereits tot war. Diese Falschaussage diente der Gerätewerbung.
Finanzielle Interessen vor Patientenwohl
Das Netzwerk profitierte finanziell vom Verkauf von Valtech an Edwards Lifesciences (2017): zunächst 340 Millionen Dollar, potenziell bis zu 690 Millionen. Deutsche und Schweizer Ärzte hielten Aktienoptionen, während schwere Komplikationen systematisch verschwiegen wurden, um Zulassungen und den lukrativen Verkauf zu sichern.
Aktuelle Konsequenzen
Die EU-Zulassung für das Cardioband wurde 2024 aufgehoben – das Gerät wird nicht mehr verwendet. Gegen Nickenig und andere laufen Verfahren wegen Fehlverhaltens. In Zürich fordern Politiker schnellere Aufklärung, während die Untersuchungskommission ihre Arbeit auf internationale Verbindungen ausweitet.
Justiz-Skandal: Verschleppung der Aufarbeitung
Während die deutschen Fälle nur die Spitze des Eisbergs darstellen, wartet die eigentliche Aufarbeitung des Hauptskandals noch aus. Der Fall Maisano soll erst in einigen Monaten erstmals vor Gericht kommen – ein zusätzlicher Justiz-Skandal wegen Verschleppung des Verfahrens. Die Zürcher Staatsanwaltschaft blieb bisher weitgehend untätig und wartet offensichtlich das Gutachten des ehemaligen Bundesrichters Niklaus Oberholzer ab. Es besteht die Gefahr der Verjährung, weshalb auch schon politische Vorstösse unternommen wurden. Bisher erfolglos.
Die „Welt“-Recherche bestätigt nur, was Whistleblower wie André Plass und Paul Vogt schon lange wussten: Das Maisano-Netzwerk operierte international, während in Zürich etwa 150 Menschen vermeidbar starben. Deutschland war zwar nur ein Nebenschauplatz – aber einer, der die systematische Manipulation und Profitgier des gesamten Netzwerks offenlegt.
Siehe auch
IP 30.08.2025 – Zürcher Herz-Skandal weitet sich auf Deutschland aus
NZZ 08.04.2025 – Zu viele Tote in Zürcher Herzklinik: Gewisse Fälle drohen zu verjähren
TA 20.07.2024 – Wie die Behörden Star-Chirurgen Maisano gewähren liessen