Zürichs Kinolandschaft im Wandel zwischen Palast-Glanz und Hybridpfusch

Zürich ist eine Stadt der Schichten. Wer die Limmatstadt über Jahrzehnte beobachtet, sieht unter den heutigen Glasfassaden und Trend-Cafés die Spuren einer Ära, in der das Kino noch kein flüchtiger Konsum, sondern ein gesellschaftliches Ereignis in prunkvollen Palästen war. Die heutige Kinolandschaft erzählt eine Geschichte von radikaler Transformation – und von ambitionierten Projekten, die an der Realität scheiterten.

Das verschwundene Kino Apollo

Das prominenteste Symbol dieses Wandels ist das verschwundene Kino Apollo an der Stauffacherstrasse. Eröffnet im Jahr 1928, war es mit rund 1700 bis 2000 Plätzen in einem einzigen, gewaltigen Saal lange Zeit das grösste Lichtspielhaus der Stadt. In den 1960er-Jahren brachte der Betreiber Anton Eric Scotoni echten Hollywood-Glanz nach Zürich: Weltstars wie Sean Connery, Elizabeth Taylor und Audrey Hepburn sorgten für eine internationale Aura, lange bevor der „Green Carpet“ des Zurich Film Festival (ZFF) den Sechseläutenplatz dominierte. 1988 wich die Kathedrale der Träume einem nüchternen Bürokomplex – ein früher Vorbote der Kommerzialisierung des öffentlichen Raums.

Kino Corso: Denkmalschutz schützt das Gebäude, nicht den Betrieb

Am Bellevue markiert das Kino Corso den nächsten Wendepunkt. Das Gebäude wurde ab 1900 als Varietétheater (Corso-Theater) genutzt und 1947 zum Kino umgebaut. Seitdem ist es fester Bestandteil der Zürcher Kultur und steht heute unter Denkmalschutz. Doch auch dieser Schutzwall bröckelt: Die Ankündigung, dass der Kinobetrieb im Jahr 2029 enden soll, markiert das Ende einer Ära für das Bellevue. Wo früher im benachbarten Kino Bellevue Generationen von Familien bei Disney-Klassikern Popcorn assen, dominiert heute die Gastronomie eines Strassencafés. Die Leinwand ist der Kulinarik gewichen.

Das Kino Radium und die Pioniertage der Altstadt

Besonders deutlich wird der Wandel in der Altstadt. Das Kino Radium in der Mühlegasse, 1907 eröffnet und damit eines der ersten stationären Kinos Zürichs (nicht aber der Schweiz, da auch in anderen Schweizer Städten gleichzeitig erste Lichtspieltheater entstanden), schloss 2008 seine Pforten. Was genau sich heute in den Räumlichkeiten der Mühlegasse 5 befindet, war zum Zeitpunkt der Publikation nicht eindeutig verifizierbar – verschiedene Quellen nennen ein indisches Restaurant, andere einen Coiffeursalon. Nur die historische Schrift an der Fassade erinnert noch an die Pioniertage.

Stüssihof: „Staunen statt Stöhnen“ – und dann doch das Ende

Ein ähnliches Schicksal ereilte den Stüssihof im Niederdorf. Jahrzehntelang als letztes Sexkino des Quartiers ein Relikt der anrüchigen „Dörfli“-Vergangenheit, versuchte man 2014 die Rettung als Programmkino. Unter dem Slogan „Staunen statt Stöhnen“ sollte die Seele der Altstadt bewahrt werden. Doch der wirtschaftliche Druck führte im April 2023 zur Einstellung des Betriebs.

Kino Kosmos: Das ambitionierte Hybridprojekt und sein Scheitern

Den wohl modernsten Tiefpunkt dieser Entwicklung markiert das Kino Kosmos an der Europaallee. Das 2017 eröffnete Projekt sollte als Hybrid aus Kino, Buchsalon und Bistro den glatten Charakter des SBB-Areals brechen. Doch das ambitionierte Konzept entpuppte sich als konfliktträchtiges Experiment. Der bekannte Filmemacher und Mitgründer Samir geriet massiv mit dem Verwaltungsrat und den Investoren in die Haare, was 2019 zu seiner Abwahl und jahrelangen Machtkämpfen führte. Das Ende war ein Millionen-Konkurs im Dezember 2022. Dass die Räumlichkeiten nun unter neuer Leitung (u.a. durch das ZFF-nahe „Frame“) in einer abgewandelten Form weitergeführt werden, sehen Kritiker oft als Fortführung eines seelenlosen Fehlkonzepts.

Event-Kultur statt Kinokultur

Heute hat sich der Fokus der Zürcher Filmwelt endgültig zum Sechseläutenplatz verschoben. Das ZFF ist hocheffizient und global vernetzt. Doch während das Festival den Glamour für wenige Tage im Jahr zurückbringt, verschwindet die alltägliche Kinokultur der grossen Einzel-Säle und der kleinen Quartier-Kinos schleichend. Zürich bleibt statistisch gesehen eine Kinostadt, doch die Magie der grossen Paläste und die urige Identität der Altstadt-Säle sind einer Event-Kultur gewichen, die eher auf Effizienz als auf lokale Verwurzelung setzt.