Was Zürich bewegt

Südstarts geradeaus
Keine Südstarts geradeaus

Zürich badet im Rekordsommer, die Fische kämpfen ums Überleben

Zürich wird zum mediterranen Freibad. Menschen springen bei über 30 Grad in Limmat und See, während der Wasserstand sinkt und ein physikalischer Effekt die Erwärmung zusätzlich antreibt.

Der Zürichsee führt so wenig Wasser wie seit 1951 nicht mehr. Gleichzeitig steigen die Temperaturen schneller als in früheren Sommern. Für Badende ist das ein Vergnügen, für die Fische im See eine Existenzfrage.

Die Limmat wird für Fische zur Gefahrenzone

Seit Anfang August liegt die Wassertemperatur der Limmat durchgehend über 25 Grad im Tagesmittel, an mehr als 30 Tagen in diesem Sommer. In früheren Jahren war das im Schnitt nur sechsmal der Fall. Der See selbst lag zeitweise über 4 Grad wärmer als im langjährigen Mittel. Der Gewässerforscher Jakob Pernthaler von der Universität Zürich sagte gegenüber Tsüri.ch, es gehe für die Fische «um Leben und Tod»: Austrocknende Ufer zerstören das Futterangebot, warmes Wasser entzieht ihm den Sauerstoff.

Die Behörden reagieren, indem sie über das Platzspitzwehr beim Zusammenfluss von Limmat und Sihl bewusst mehr Wasser aus dem Zürichsee in die Limmat leiten, um deren empfindlicheres Ökosystem zu schützen.

Für die Badenden bleibt der Fluss trotzdem attraktiv: Beim traditionellen Limmatschwimmen schwammen kürzlich 4500 Menschen gemeinsam vom Frauenbad Stadthausquai bis zum Flussbad Oberer Letten, viele suchten schlicht Abkühlung von der Hitze.

Der Albedo-Effekt heizt die Spirale weiter an

Ein Treiber dieser Entwicklung ist der Albedo-Effekt. Er beschreibt, wie viel Sonnenlicht eine Oberfläche zurückwirft. Frischer Schnee reflektiert 75 bis 90 Prozent der Wärme, schneefreie Wiesen nur einen Bruchteil davon. Fehlt der Schnee früher im Jahr, verliert die Landschaft diesen natürlichen Kühleffekt.

Die Folge ist eine Spirale: weniger Schnee, mehr gespeicherte Wärme, schnellere Erwärmung. In der Stadt verstärkt sich dieser Mechanismus zusätzlich, weil Asphalt und Beton ohnehin mehr Hitze speichern als Grünflächen und diese nachts nur langsam wieder abgeben.

Die Stadt wächst, während sie sich aufheizt

Diese Dynamik trifft eine Stadt, die zugleich dichter bauen will. Die laufende Revision der Bau- und Zonenordnung (BZO) sieht neben zusätzlicher Verdichtung ausdrücklich auch Verbesserungen des Lokalklimas und der Hitzeminderung vor. Mehr Gebäude bedeuten aber auch mehr versiegelte Fläche, mehr gespeicherte Wärme und weniger Raum für Bäume, die genau diese Effekte abfedern könnten. Ob sich Verdichtung und Hitzeminderung in der Praxis vereinbaren lassen, zeigt sich erst nach der Umsetzung der revidierten BZO. Für den See und seine Fische zählt jedoch schon jetzt jedes Grad Celsius.

Quelle

Tsüri.ch – Gewässerforscher zur Hitzewelle: «In der Limmat geht es um Leben und Tod»