Lufthansa-Chef Carsten Spohr über Swiss, Billigtickets und Auslastung

Blick 04.07.2020

Carsten Spohr fliegt mit der Lufthansa durch deren grösste Krise. Der Konzernchef kann hier auf Unterstützung der Airline-Tochter Swiss zählen. Die Corona-Krise hat ihn vor ein paar Wochen in die Schweiz geführt.

Dank Milliarden-Staatshilfe fliegt die Lufthansa weiter. Und damit auch die Swiss. Die Tochter-Airline der deutschen Fluggesellschaft hat ebenfalls grünes Licht für Staatshilfe in Höhe von 1,28 Milliarden Franken bekommen – in Form von Krediten von Banken. Der Bund haftet damit für 85 Prozent der Kredite.

Carsten Spohr (53), Chef des Lufthansa-Konzerns, hatte für zur Unterstützung der Swiss auch die Schweiz besucht, wie er im Interview mit der «NZZ» ausführt: «Vor zwei Monaten habe ich in Bern Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga getroffen, weil der Lufthansa sehr daran gelegen war, dass die Swiss auch aus der Schweiz heraus unterstützt wird.»

Noch hat die Swiss keine Hilfsgelder erhalten, sagt Spohr. «Die Schweizer Regierung wollte zunächst die Aktionärsversammlung der Lufthansa abwarten. Jetzt, wo die Aktionäre zugestimmt haben, muss der Stabilisierungsfonds der deutschen Regierung dem Kredit noch zustimmen.»

Verlässliche Cash-Cow für die Lufthansa

Die Swiss war in den letzten Jahren verlässlicher Gewinnlieferant für Spohrs Konzern. Dass sie jetzt ebenfalls Staatshilfe erhält, ist für den Deutschen mehr als gerechtfertigt. «Die Swiss hat nicht nur schöne Gewinne erwirtschaftet, sondern sie hat das Geld für Investitionen in ihre Flotte auch wieder zurückbekommen», sagt Spohr.

«Die beste und modernste Flotte in der Gruppe hat die Swiss. Und die Swiss ist heute grösser als seinerzeit die Swissair.» Das riesige Kreditpaket rechtfertigt Spohr damit, dass jede grosse Airline staatliche Hilfen erhalten habe.

Wie realistisch es ist, dass die Lufthansa schon bis 2023 die Kredite zurückzahlt, beantwortet Spohr so: «Die Lufthansa wird nicht schuldenfrei sein, aber wir wollen am Markt Kredite aufnehmen, um das Geld des Steuerzahlers in der Schweiz, in Deutschland und in Österreich zurückzuzahlen. Wir möchten lieber am Kapitalmarkt verschuldet sein als beim Steuerzahler.»

Staatshilfe für die Langstrecke

Allein für Kurzstreckenflieger hätte die Lufthansa keine Staatshilfe benötigt. «Es geht um das Langstreckennetz, das eine viel längere Anlaufzeit bedarf, um wieder auf Touren zu kommen», so der Lufthansa-Chef weiter. «Wir fliegen diesen Sommer zwar 50 Prozent unserer Kurzstreckenflüge, aber maximal 20 Prozent auf der Langstrecke.»

Das hat Auswirkungen auf die Zahl der Maschinen, die künftig abheben. Nächstes Jahr werden noch 300 von 763 Flugzeugen am Boden stehen, das Jahr darauf noch 200. «Und für das Jahr 2023 rechnen wir mit einer um 100 Flugzeuge verringerten Flotte», sagt Spohr im «NZZ»-Interview weiter.

Pro Hub in Zürich und gegen Billigtickets

Was gegenwärtig den Kontinentalflugverkehr angeht, liege die Lufthansa und auch die Swiss «unter den Erwartungen». Am Hub Zürich hält Spohr fest: «Die Swiss ist so erfolgreich und der Schweizer Markt so lukrativ, dass wir das schon aus betriebswirtschaftlicher Logik so machen.»

Wettbewerbsverzerrend sind immer wieder Tiefpreisangebote der Billigflieger. «Tickets für 9.99 Euro halte ich für ökologisch und ökonomisch unverantwortlich. Das schadet dem Ansehen unserer Branche.» (uro)