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Swiss schickt Notruf an den Bundesrat

TA 23.02.2021

Die Swiss krebst mit einem Minimalflugplan durch die Corona-Krise. Weil das so nicht mehr lange gutgeht, schlägt sie jetzt ganz oben Alarm.

Wenn Dieter Vranckx diese Woche auf seine ersten gut 50 Tage als neuer Swiss-CEO zurückschaut und diesen etwas Positives abgewinnen will, könnte eine Erkenntnis sein: Es kann nur besser werden. Zweite und dritte Welle, Mutanten, Test- und Quarantänepflichten allenthalben – die Airline deckt seit Wochen nur noch um die 10 Prozent des Vorjahresflugplans ab. Sie verbrennt damit mehr Geld, als selbst die Pessimisten in ihren Reihen vor ein paar Monaten befürchtet hatten.

Diesem Problem hat die Swiss-Spitze um Vranckx vor wenigen Tagen in einem Brief Ausdruck verliehen, den sie an mehrere Bundesräte persönlich adressiert hat. Mehrere unabhängige Quellen aus dem Bundeshaus und mit Zugang zur Swiss-Geschäftsleitung haben dementsprechende Recherchen dieser Zeitung bestätigt. Die Medienstellen mehrerer Departemente bestätigten dagegen das Eintreffen des Briefs.

Die Swiss will im Brief, der dieser Redaktion nicht vorliegt, zwei Botschaften rüberbringen: Erstens bittet sie den Bundesrat, die Rahmenbedingungen für ihren Betrieb zu lockern. Aktuell stehen wieder über 30 Länder auf der Risikoliste des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Reist man aus ihnen in die Schweiz ein, muss man zwingend in Quarantäne.

Während diese Pflicht für alle Verkehrsmittel gleichermassen gilt, fühlt sich die Swiss beim Testregime unfair behandelt: Nur wenn jemand per Flugzeug einreist, muss er oder sie nämlich unabhängig vom Herkunftsland einen negativen PCR-Test vorweisen können. Seit am 8. Februar dieses neue Regime in Kraft trat, ist die Anzahl durchgeführter Flüge auf unter 200 pro Woche abgesackt, wie eine Auswertung des Tamedia-Datenteams zeigt. So wenige waren es seit dem Ende der ersten Welle im vergangenen Frühjahr nicht mehr.

«Ein Grossteil unserer Mitarbeitenden, sprich Boden-, Kabinen- und Cockpit-Mitarbeitende, befindet sich immer noch in Kurzarbeit.»

Meike Fuhlrott, Swiss-Sprecherin

Hinzu kommt, dass die Einreisebestimmungen ständig wieder geändert werden: Erst am Montag zum Beispiel trat eine neue Regelung in Kraft, laut der zumindest das Boarding des Flugzeugs vor dem Abflug auch mit einem Antigen-Schnelltest möglich ist. Bei der Einreise in die Schweiz ist dann nach der Landung aber trotzdem noch das negative Ergebnis eines PCR-Tests nötig, der nicht älter als 72 Stunden sein darf. Das ständige Hin und Her stelle für die Reisenden eine solche Herausforderung dar, dass sie sich gar nicht mehr mit dem Fliegen befassen wollten und lieber gleich daheim blieben.

Der zweite Aspekt des Briefs, der die Bundesräte aufrütteln soll, ist der Verweis auf das angespannte Budget der Fluggesellschaft: Wenn sich die Situation nicht deutlich verbessere, werde es Ende Sommer finanziell schon wieder eng. Die Medienstelle der Swiss dementiert diese Information, will ansonsten aber nicht weiter auf den Brief eingehen.

Erst im August 2020 waren die Verträge über die Staatsrettung der Lufthansa-Tochter unterzeichnet worden: Die Eidgenossenschaft bürgt für 85 Prozent eines 1,5 Milliarden Franken schweren Bankkredits, der die Swiss und ihre Schwester Edelweiss durch die Krise retten soll. 1 Milliarde davon hat die Swiss nach wie vor nicht abgeholt, wie ihre Sprecherin Meike Fuhlrott gegenüber dieser Zeitung bestätigt.

Massenentlassungen befürchtet

Erschwerend kommt hinzu, dass im September die 18 Monate Höchstbezugsdauer der Kurzarbeit auslaufen, die der Bundesrat der Wirtschaft zwecks Vermeidung einer Entlassungswelle erlaubt hat. «Ein Grossteil unserer Mitarbeitenden, sprich Boden-, Kabinen- und Cockpit-Mitarbeitende, befindet sich immer noch in Kurzarbeit», schreibt Sprecherin Fuhlrott. Für die Angestellten in Kurzarbeit übernimmt im Moment der Bund 80 Prozent des Gehalts – die Swiss bezahlt nur die Sozialversicherungsbeiträge. Sobald dieses Regime aber vorbei ist, müsste die Swiss wieder 100 Prozent des Gehalts selbst bezahlen. Das könnte sie sich nur leisten, wenn sie die Personen produktiv beschäftigt.

Zwar soll der Bundesrat vom Parlament die Kompetenz erhalten, die Kurzarbeit nochmals um 6 Monate zu verlängern. Zieht er diese Option jedoch nicht bald und kommt das Geschäft der Swiss nicht zum Fliegen, müsste diese sich aufgrund der Kündigungsfristen schon im April oder Mai ernsthafte Gedanken über die Anzahl Mitarbeiter machen. Die Gewerkschaften befürchten, dass es dann zu Entlassungen im grossen Stil kommen könnte.