Wachstum beisst sich in den Schwanz

Stiftung gegen Fluglärm 06.05.2019

Wie sehr das Wachstum am Flughafen Zürich sich in den Schwanz beisst, zeigen die jüngsten Ereignisse.

Die Aktie des Zürcher Flughafens hat trotz wachsender Passagierzahlen zuletzt im Sommer vor nahezu zwei Jahren ihren Höchststand gesehen.

Die Aktie des Deutschen Lufthansa-Konzerns, der zusammen mit seinen Schweizer Tochtergesellschaften, der Swiss allen voran, in Zürich über 70% des Luftverkehrs abwickelt, kennt derzeit nur einen Weg, den zu neuen Tiefstständen.

Warnend wird den potentiellen Fluggästen schon jetzt mitgeteilt, sie müssten mit einem weithin gestörten Flugsommer in Europa rechnen.

Es gäbe zu viele Flugzeuge am Himmel über Westeuropa, vor allem über Deutschland, weshalb ein Spitzenservice kaum zu erwarten sei.

Der Flughafen Zürich wandelt sich derweil mehr denn je zu einer Immobiliengesellschaft mit angeschlossenem grössten Einkaufszentrum der Schweiz.

Da die „Malls“ seit Jahren einen reinen Verdrängungswettbewerb erleben, werden die älteren Einkaufszentren im Grossraum Zürich negativ davon betroffen sein. Der Konsument, stets auf der Suche nach dem neuesten Einkaufserlebnis, wird seine alten Jagdgründe bald aufgeben und nach Kloten in den „Circle“ weiterwandern.

Das von der Schweizerischen Nationalbank seit einigen Jahren verordnete billige Geld hat auch zu diesem Immobilienboom rund um Zürichs Flughafen geführt. Es wird gebaut als gäbe es kein Morgen mit einer möglichen neuen Wirtschaftskrise.

An der gleichen Stelle soll auch das modernste Kongresszentrum der Schweiz entstehen. Dann haben die künftigen Kongressteilnehmer aus aller Welt auch keinen Grund mehr, die Stadt Zürich, den Rheinfall in Schaffhausen oder vielleicht sogar entferntere Teile der Schweiz zu besuchen.

Ihre neue Route heisst: Ankunft Flughafen, Kongress im Flughafen, Abflug Flughafen. Sogar in Davos hat man Angst, das World Economic Forum könne sich den Weg in die Ostalpen sparen und gleich im „Circle“ stattfinden.

Kloten wäre im 82 Millionen Einwohner zählenden Deutschland heute schon der fünftgrösste Flughafen. Dass er mit heute 31 Millionen und geplanten 50 Millionen Passagieren jährlich in einer 8,5 Millionen Menschen zählenden Schweiz völlig überdimensioniert ist, leuchtet jedermann ein.

Es sind die Schweizer Fluggäste, so die Argumentation der Topmanager des Flughafens, die von einer fast hemmungslosen Fluglust befallen sind. Das stimmt natürlich so nicht, denn bei einem wachsenden Teil der Bevölkerung handelt es sich um „third country nationals“, Ausländer, die in der Schweiz arbeiten und mindestens zweimal im Monat in ihre Heimatländer zurückfliegen wollen.

Der irakische Barmann im Zürcher Seefeld fliegt wöchentlich zu Tiefstpreisen ab Kloten zu seiner Familie nach Berlin, die dort noch immer billiger lebt als in Zürich. Der heimwehkranke Topmanager einer Zürcher Bank fliegt gleichzeitig nach London, weil seine Frau sich weigert, im provinziellen Zürich zu wohnen.

Es sind also nicht nur Schweizer, die ab Kloten fliegen, sondern vielfach auch Bewohner Deutschlands, die mit Billigtarifen via Kloten nach Mallorca, in die Türkei oder an andere Feriendestinationen gelockt werden.

Die wichtige Geschäftsfliegerei beansprucht einen Anteil von weniger als 13%.

Der Zürcher Flughafen ist nicht nur Landesflughafen der Schweiz, sondern auch der internationale Flughafen für Baden-Württemberg und südöstliche Teile Bayerns geworden.

Rasch wachsend ist ab Zürich das Flugaufkommen auch in die Balkanstaaten, da bekanntlich sehr viele Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien in der Schweiz leben. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch irakische und syrische Destinationen von Kloten aus bedient werden.

Und die Schweizer?

Die Schweizer Passagiere, denen eigentlich der Landesflughafen Kloten dienen sollte, werden mit nochmals markant verstärkten Verspätungen bei Abflug und Ankunft rechnen müssen.

Rund um Kloten machen seit 17 Jahren 300 000 Menschen die Faust im Sack, weil die von Berlin beschlossene Luftraumsperre Zürichs Süden zerstört, die am dichtesten besiedelte Landschaft der Schweiz mit grossen Grün- und Waldflächen.

Sie machen die Faust im Sack, weil sie von ihren eigenen Regierungs-, National- und Ständeräten in Sachen Flughafenausbau, Umweltschutz und Gesundheitsrisiken hinters Licht geführt werden.

Sie werden im Schlaf gestört, leiden unter Kreislauf- und Atemwegerkrankungen. Die bis 23 Uhr beschränkte Betriebszeit des Flughafens wird nur in Ausnahmefällen eingehalten. Starts und Landungen in der Zeit von 23 Uhr bis 23.30 Uhr, die für Verspätungsabbau vorgesehen wurde, sind die Regel, nicht die Ausnahme.

Wie der Krebs den Körper zerfrisst, wuchert der Zürcher Flughafen in die Landschaft hinein.

Ein wirklicher Mehrwert der Fliegerei, die ökonomische und soziale Ansprüche befriedigt, ist immer weniger erkennbar.

Im besten Fall steigen die Aktienkurse der Deutschen Lufthansa und der Zürcher Flughafen AG wieder an.

Weil im kommenden Sommer weder am Boden noch in der Luft die Rechnung aufgeht, sei gefragt: Wozu? Qui bono?

*Klaus J. Stöhlker, Sprecher der Stiftung gegen Fluglärm, Zürich

Weitere Auskünfte:

Stiftung gegen Fluglärm                          

Adolf Spörri
Präsident
spoerri@spoerrilaw.ch

Klaus J. Stöhlker
Pressesprecher
klaus.stoehlker@stoehlker.ch